Klavierstimmer und Flugteller

von Michaela Nowotnick

„Das ist der verrückte Klavierstimmer “ heißt es bei unserer Ankunft. So viel steht fest, die kommenden Tage scheinen aufregend zu werden. Wir sind soeben auf dem Pfarrhof eingetroffen, auf dem in den nächsten Tagen ein großes Kulturspektakel stattfinden wird: Die Verleihung des Dorfschreiberpreises von Katzendorf. Die diesjährige Dorfschreiberin haben wir aus der Stadt mitgebracht, sie besieht gerade die Dorfschreiberklause am Fuße des mächtigen Wehrturms, in der sie nun ein Jahr lang wohnen kann.

Der verrückte Klavierstimmer tritt auf die Veranda. Er hat schulterlanges weißes Haar, trägt ein blaues Leinenhemd und darüber eine Lederweste und sieht eigentlich gar nicht so verrückt aus. Das Klavier ist gestimmt, jetzt kommt der Feierabend. Ich begrüße ihn, er will wissen wo ich herkomme. Deutschland, dort sei er auch schon einmal gewesen.

Im Archiv der SS. Ich nehme die Sonnenbrille ab und stelle die unvermeidliche Frage, was er denn im Archiv der SS gewollt habe. Der verrückte Klavierstimmer setzt sich auf einen Stuhl, rückt mir einen weiteren zurecht und erzählt. Er habe die Sache mit den Flugtellern prüfen wollen und sich deshalb Zugang zum Archiv der SS verschafft. Die Unterlagen, die er dort gefunden habe, befänden sich in seiner Tasche. Er könne sie mir gleich zeigen, aber erst einmal müsste ich einiges wissen. Bevor wir uns Flugtellern widmen können, machen wir einen Abstecher nach Russland. Stalin sei ein Jude gewesen, genauso wie Trotzki und Lenin. Sie haben den Krieg begonnen, damit sie die russische Kolonie Israel gründen können. Er nickt, sieht auf seine derben Lederschuhe und seufzt: Ja, man wisse es nicht, man wisse so wenig über die damalige Zeit. Ob Hitler auch ein Jude gewesen sei, frage ich. Der verrückte Klavierstimmer erhebt sich halb vom Stuhl, sieht mich an und sagt mit Nachdruck: Nein, Hitler doch nicht. Ob ich denn nicht wisse, Hitler war Freimaurer. Ach so, antworte ich, das habe ich nicht gewusst. Ja, und Doppelgänger habe er gehabt. Acht Stück. Er habe sich auch nicht umgebracht, damals, sondern sein Doppelgänger. 1946 sei Hitler nach Brasilien geflogen, mit einem Kreuzflugzeug, wobei er offen lässt, ob er das Hakenkreuz oder das Rote Kreuz meint. Dort, in Brasilien, sei er an Altersschwäche gestorben. Aber erst 1977.

 

 

Der verrückte Klavierstimmer hat sich in Rage geredet. Die Sätze sprudeln in einer Mischung aus Deutsch und Rumänisch und manchmal auch in einer anderen Sprache, von der ich vermute, dass es Esperanto ist, denn die habe der Hitler ja auch erfunden und er, der Klavierstimmer, habe sie erlernt, damit er die Dosare, die Akten besser lesen kann.

Was denn nun mit den Flugtellern sei, möchte ich wissen. Welche Flugteller?, fragt er. Ich erinnere ihn an die Archive der SS. Ja, die Flugteller. Unten in Deutschland, im Schwarzwald, habe der Hitler einen Flugteller gefunden. Extraterrestrisch sei er gewesen, aber ohne Personen drauf. Den habe er nach Peenemünde gebracht, an das große Meer. Dort habe er versucht, den Teller nachzubauen, was anfangs nicht gelang. Immerhin sei er ja der Erste gewesen, der so etwas versucht habe. Dann sei Hitler, er war eben nicht umsonst der Führer, auf die Idee gekommen, den Flugteller zu verdrehen. Der verrückte Klavierstimmer öffnet in der Luft ein Schraubglas, so habe er es verdreht. Ja, und dann sei es gegangen. 100 Meter breit sei der Flugteller gewesen und konnte 25 Kilometer hoch fliegen. Damit wollte er gegen die Russen fliegen, an die Front, gegen Stalin, Trotzki, Lenin und die anderen Juden. Aber dann kamen die Amerikaner, besetzten Peenemünde und Hitler musste nach Brasilien fliehen.

Die Dorfschreiberin, die sich zwischenzeitlich zu uns gesellt hat, wirft ein, dass Peenemünde ja von den Russen besetzt worden sei. Der verrückte Klavierstimmer sieht sie lange an und fragt, ob sie im Archiv der SS gewesen sei. War sie nicht, weshalb wir uns nun darauf konzentrieren, was mit den Flugtellern nach dem Krieg geworden ist. Die Amerikaner haben sie mitgenommen, nach Amerika, in den Bezirk 51. Und dort, das weiß ja nun jeder, wurden immer wieder welche gesehen. Ich blinzele ihn an, schaue wohl eine Spur zu skeptisch. Ob ich ihm nicht glauben würde?, gleich holt er die Unterlagen aus seiner Tasche.

Als er zurückkommt, sieht er etwas betroffen aus. Er habe die falsche Tasche mitgenommen. Weil er doch per Autostop, per Anhalter kommt, damit die Geheimdienste seinen Weg nicht nachverfolgen können. In der Hand hält er eine dickere und eine dünnere Broschüre. Heute habe er nur die Tasche dabei, in der er die Beweise hat, dass wenige Personen in Brüssel die ganze Welt kontrollieren. Die eine Broschüre handelt von Steuerparadiesen. Abgebildet ist ein Regenbogen vor dramatisch blauem Himmel. Das dickere Heft listet Nahrungsmittelzusätze auf, mittels derer Geheiminformationen in Menschen implementiert würden. Das ist bestechend nachvollziehbar.

Der Hausherr ruft, wir trollen uns um den großen Tisch im Haus und das Fest mit einem ersten feierlichen Essen eröffnet. Der Auftakt für drei Tage voller Filmvorführungen, Ausflügen, Vorträgen und natürlich Lesungen inmitten des kleinen Ortes Katzendorf. Der verrückte Klavierstimmer muss schon nach dem Abendessen nach Hause fahren. Per Autostop natürlich. Zum Abschied verspricht er mir, die Dokumente in Berlin vorbeizubringen. Er plane eine Westeuropafahrt. Die Telefonnummer von der jungen Engländerin hat er schon, bezüglich des Zwischenhalts in Berlin melde er sich. Ich solle mein Handy wegwerfen, rät er noch, denn damit könne man mich von den nunmehr amerikanischen Flugtellern aus orten. Und wenn dann die Extraterrestrischen zurückkämen … .