Wenn deutsches Beamtentum auf rumänische Fröhlichkeit trifft

Zugfahrt in Altrumänien 1913

gefunden von Andras Bandi

Nacht auf den 30.Juli 1913

Im Gemeindearchiv Constanța (Zentralarchiv der EKR, Signatur 400/354-44) befindet sich ein Tagebuchfragment eines reichsdeutschen Konsulatsbeamten mit Aufzeichnungen vom 24. Juli bis 15. August 1913. Es besteht aus 48 Seiten philosophischer Gedankengänge und literarischer Versuche. Hier ein Abschnitt aus seinem Tagebuch nach einer durchgefeierten Nacht im Zug nach Bukarest.
"Es sind heute bereits elf Tage seit unserer Reise nach Predeal und meiner Rückreise vergangen. Gerade heute muß ich so besonders intensiv daran denken. Wieder packt mich die Sehnsucht nach den Bergen, nach dem dunklen Hochwald und nach dem Waldesrauschen, das mir in friedlichen Stunden der beschaulichen Stille leise in den Ohren nachklingt.
Die Rückreise war eigentlich furchtbar katzenjämmerlich. Nach der gemeinsamen Hinreise an der Grenze angelangt, ein gewaltsamer Ruck, ein Abschied, bei dem ich meinen kleinen goldenen Liebling auf lange, lange Wochen verlassen mußte, und wiederum ging es hinein in die dumpfe Eisenbahn, zusammengepfercht mit so vielen gleichgültigen Menschen einer langen unangenehmen Reise entgegen.
Bis Sinaia ging es noch. Da saß ich zusammen mit einem Bekannten, der mir allerdings nicht besonders gelegen kam. Dann drückte ich mich in meine Ecke, schloß die Augen und döste vor mir hin. Die Berge, die schöne Natur konnten mich nicht mehr reizen. Dann regnete es auch und wurde sehr früh dunkel.
In Comarnic überschüttete mich ein Himbeerregen. Eine dicke Frau mit einer unangenehm schriller Stimme, die alle 3-4 Minuten nach ihrem würdigen Sprössling auf dem Korridor laut „Bibi“ rief, hatte sich ein Körbchen Beeren gekauft. Sie verstaute den Korb im Netz über meinem Kopf, und zwar so geschickt, daß ich dessen Inhalt bald in feuchtkühler Weise auf der Glatze spürte. Jedenfalls ist mir durch diesen angenehmen Vorfall, mein Vorsatz, selbst ein Paar Körbchen mit Beeren nach Bukarest mitzunehmen, vergangen.
Um 8 1/2 Uhr kommen wir nach Ploesti. Schon bei der Einfahrt merkte ich, daß der Speisesaal ziemlich voll war. Der Bahnsteig war ganz überfüllt. Ich bahnte mir mit beiden Ellbogen meinen Weg durch das Volk, um mir einen Platz im Restaurant zu erobern, denn mein Magen, der seit längerer Zeit nichts Warmes mehr genossen, verlangte nach Atzung.
Plötzlich erwischt mich jemand am Arm. Ich sehe mich um. Ein Weib fragt mich, ob ich wegen ihr gekommen sei. Sie habe an das Konsulat geschrieben. Es war eine jener vielen Halbnarren, die mir im Amte so viel zu tun machen und die fortwährend zu reklamieren haben. Ausgerechnet wegen ihr. Ich schüttelte mir das Weib mit einer kurzen Bemerkung los und stürmte in den Speiseraum, wo ich gerade noch ein Eckchen erobern konnte, um mich dann auch in ausgiebiger Weise zu stärken.
Der Aufenthalt in Ploesti hat Gott sei Dank länger nicht als drei Stunden gedauert. Dort habe ich eigentlich zum ersten und einzigen Mal in der Zeit, die wir durchleben, den Kriegstaumel gesehen. Ein Militärzug, der durchfuhr, nahm in Ploesti etwa eine Stunde Aufenthalt. Die Mannschaft kam aus der obersten Moldau.
Auf dem Bahnsteig bildeten sie große Reigen und begannen wie die Wilden zu schreien und zu tanzen. Die Begleitung spielten einige schmierige Zigeuner mit Flöte und Geige. Ich darf wohl sagen, daß ich die rumänischen Volkstänze, Hora, Sirba, usw. vom Lande selbst her kenne, aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Mit gellenden, wilden Rufen aneifernd sprangen die Leute im Kreise herum und gerieten immer mehr in Ekstase. Das ganze löste sich ab und zu in einem allgemeinen Hurrageschrei auf.
So etwa oder ähnlich stelle ich mir im Orient die heulenden Derwische oder drüben jenseits des großen Teichs die Indianer bei ihrem Kriegstanz vor. Dabei waren die Mannschaften Reservisten, nach unserer Anschauung ältere Landwehrmänner, die bestimmt zu 90% Frau und Kinder zu Hause zurückgelassen.
In Gedanken habe ich mir gedacht, wie es wohl zugehen mag, wenn unsere deutsche Landwehr ins Feld zieht. Keine Frage, daß sie ebenso begeisterungsfähig ist wie die rumänische, nur glaube ich, daß ein viel höherer Ernst damit verbunden sein wird. All dies steht mit dem allgemeinen Volkscharakter im engen Zusammenhang. Wenn der Rumäne sein Haus verläßt, erscheinen alle Brücken abgebrochen. Von Natur aus sehr entzündbar, läßt er sich fortreißen und lebt nur dem Augenblick. Es fehlt ihm das, was wir Deutschen allgemein in so hohem Grade besitzen, das Verantwortlichkeits-Gefühl und vielleicht mehr oder weniger das Gefühl überhaupt. Dies sind für einen Krieger jedenfalls keine schlechten Eigenschaften.
In einem vollgepferchten Wagen dritter Klasse, allerdings in Gesellschaft von Bekannten fuhr ich von Ploesti nach Bukarest und kam um zwei Uhr nachts an. Der letzte Gedanke, mit dem ich meinen brummenden Schädel ins Kissen gelegt, war: Katzenjammer."