Eine bunte (Herbst) Geschichte ohne Bilder

von Karin und Ronny Göpfert

Mittwoch, der 04.10.2017 - 7.00 Uhr

Juhuh, der Herbst beginnt sein Farbenspiel, mein Mann und ich wollen uns auf eine Tageswanderung begeben. Wir befinden uns im Munti Persani, in der Comuna Poiana Marului. Dieser Ort stellt eine große Streusiedlung dar und hier sind wir stolze Besitzer einer kleinen Cabana, welche seit vielen Jahren unser Urlaubsdomizil ist.
Also zeitig aufgestanden, die Hügel mit den bunten Buchenwäldern rufen. Schnell die Morgentoilette erledigen - also mit Schwung die drei Stufen der Cabana hinunter aber Halt! Ich rutsche von der ersten auf die zweite Stufe, will mich am Geländer festhalten aber das ist auch locker, also weiter gerutscht auf die dritte Stufe, es folgt ein Knacks im rechten Fuß verbunden mit starkem Schmerz.
Auaaua - hopsen, versuchen aufzutreten, Zehen bewegen. Irgendwie geht es, aber es geht nicht gut. Zurück zur Terrasse, hinsetzen. Auf diesen Schreck erst einmal einen Zweitkaffee.
Unter unserer Cabana, weit unten am Hang, sind schon Schafe und Hunde unterwegs. Plötzlich läuft ein Tier quer den Hang hoch, ich denke ein Hund - aber NEIN, so läuft kein Hund, es ist ein Bär! Dicht darauf folgt noch einer, ein etwas kleinerer. Wir sind begeistert, geplättet, voller Ehrfurcht, voller Freude, es fehlt uns für so ein Gefühl der richtige Ausdruck. Wir reden anschließend noch einige Zeit über das Ereignis.
Mein Mann tippelt alleine los, mein Fuß schwillt an und verfärbt sich auch wie der Herbst. Voller Hoffnung, dass es vielleicht nur eine Zerrung oder irgendwie verrenkt ist, bleibe ich zurück, mache kalte Umschläge mit Essig und lege Holz im Ofen nach, schließlich ist es kalt und ich bin doch etwas unbeweglich.
Leider habe ich irgendwie nasses Holz erwischt. Der Rauch, der eigentlich aus der Esse raus kommen soll, qualmt in die Cabana hinein, direkt aus den Ofen. O weh, ich mache Durchzug und lasse das Feuer ausgehen - ich komme ja nicht ans trockene Holz ran.
Abends kommt mein Mann voller Eindrücke zurück. Mein rechter Fuß hat seine Farbe und Beweglichkeit zum Vormittag trotz intensiver Hege und Pflege nicht geändert. Zusätzlich ist er durch die Umschläge recht kalt. Krisensitzung: der Urlaub hat erst angefangen und ich sitze in Poiana Marului auf dem Berg fest. Ein Arztbesuch wäre zur Diagnostik angemessen, aber wohin?
Erst einmal den Berg wieder runter kommen. Geplant war der Abstieg für Freitag, den 6. Oktober, da wollten wir mit einem befreundeten Paar aus Thüringen, welches in der Nähe seinen Urlaub verbrachte, ins fast 350 Kilometer entfernte Negreni fahren. Zur Urlaubsplanung hatte ein Besuch auf dem großen Markt in Negreni unbedingt dazu gehört.
Also Sachen für drei Tage zusammenpacken, die Wanderstöcke als Gehhilfen und nun ab durch den Wald. Vorbei an unserer Quelle, über Stock, Stein und Wurzeln, die Abhänge im Schneckentempo runter zum Auto. Wir fahren nach Zarnesti, da ist ein Krankenhaus.
Ich bin unsicher und habe so meine Gedanken: „Ist es angemessen, gleich in ein Krankenhaus zu gehen? Was, wenn es nichts weiter ist? Laufen geht aber auch wirklich schlecht. Ärzte in Rumänien, gibt es die denn noch? Das Land blutet doch im Gesundheitswesen total aus. Vor zwei Jahren fast auf den Tag genau, hatte ich mir das Schienbein und das Wadenbein gebrochen (da bin ich in einem kleinen Haushaltstritt mit drei Stufen hängengeblieben, da kam das Hebelgesetz zur Anwendung und nun bin ich stolzer Träger einer Verschraubung zwischen Knöchel und Knie, natürlich auch rechts). Die behandelnden Ärzte im Krankenhaus in Reichenbach waren aus Rumänien, die Ärzte bei der Reha in Bad Elster waren auch aus Rumänien, ja reichen denn die rumänischen Ärzte für die EU und auch noch für ihr Heimatland? Fragen über Fragen. Wir wissen aber auch nicht, ob es in der Nähe eine chirurgische Praxis gibt.
Ich rufe Frau K. in Magura an und bitte sie um Rat. Freundlich teilt sie mir mit, dass Beste wäre nach Brasov ins Spitalul Judetean zu fahren, da gibt es eine Ugenta, also eine Notaufnahme.
Also gut, auf nach Brasov! Wir finden das Krankenhaus, parken irgendwie im Gelände beim Küchentrakt (das war ein Fehler) und ich humple mit meinen Mann zu einem Gebäude. An und in den Gebäuden des Krankenhauses wird sichtbar gebaut, es sieht nach einer totalen Grundsanierung aus. Einen Krankenhausbetrieb kann man sich nicht so recht vorstellen. Da, ein Eingang der funktioniert, wir rein, aber es ist der falsche Eingang. Die Notaufnahme ist nur über eine Straße zugänglich. Wir müssten wieder durchs Gelände zurück und dann einmal um das Karree und noch bissl weiter. Ein freundlicher Herr, der beste Beziehungen zu einen Blumenladen hat, lässt uns durch diesen Laden gehen, der sich als Abgrenzung zwischen Straße und Krankenhausgelände befindet. Schon haben wir abgekürzt. Vielen Dank, freundlicher Mann.
Eine Treppe, eine Tür, zwei Rettungswagen davor. Mein Mann geht rein, kommt zurück und sagt mit undefinierbaren Gesichtsausdruck „hier sind wir richtig“. Also ich rein und bin geplättet. Ungefähr fünfzig Menschen sitzen, hocken, stehen und warten. Eine halb bekleidete, benommen wirkende Dame im Rollstuhl, eine abgemagerte und hochschwangere Roma, viele ältere Menschen, ein junger Mann mit Kreuzbandriss, ständig kommen neue, die Rettungssanitäter dazwischen, Polizisten, Krankenhauspersonal und Ordnungskräfte. Wer Glück hat sitzt, wer Pech hat steht. Rechts vom Wartebereich gibt es eine Anmeldung, zwei Personen hinter dem Tresen, ein Mann und eine Frau. Vorm Tresen eine Dame im Gespräch mit einer Patientin. Diese düsen ab, wir kommen aber noch nicht an den Tresen. Die Dame, die eben noch vorm Tresen stand, fehlt. In der Zwischenzeit tauscht das Tresenpersonal Knabbereien aus. Wir schauen alle etwas neidisch. Nun kommt die Dame zurück. Sie ist die koordinierende Ärztin, sie entscheidet nach Sichtung und Befragung, wie es mit den Hilfesuchenden weitergeht. Wir erklären kurz unsere Situation und nach einem Blick auf den Fuß, der nach dem Abstieg vom Berg stark deformiert aussieht, führt sie uns zu einer Tür und bittet uns zu warten.
Später werde ich aufgerufen. Ein junger Arzt und eine junge Schwester schauen nochmal auf den Fuß. Auf der Trage, auf der die Untersuchung stattfindet, liegt ein zerknitterter, angegrauter Papierüberzug. Wir verständigen uns im leidlichem Englisch und Rumänisch. Ich sage, ich verstehe und rede wenig Englisch, er behauptet von sich das Gleiche, dann lachen wir, weil wir finden, das ist zusammengerechnet doch schon viel.
Das Untersuchungszimmer ist ein Durchgangszimmer mit drei Türen. Ständig kommen und gehen Angestellte rein und raus, begleitet von Wortwechseln. Der Arzt meint, hier müsse man röntgen. Ich willige ein und warte wieder vor der Tür. Dort befinden sich zwei Rollstühle und ein Rollbett im wirklich sehr schlechten Zustand. Einige Teile sind abgeplatzt und hängen lose runter, bei den Rollstühlen fehlen teilweise die Fußrasten und alles ist sehr verdreckt und verstaubt. Ein Pfleger, der offensichtlich stark humpelt, bittet mich in einen Rollstuhl und rollert mich nun entlang offener Zimmertüren einen Flur entlang. In jeden Zimmer liegen mehrere Menschen, sie sind halb ausgezogen und es werden Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt. Ich glaube, dass es keine Geschlechtertrennung gibt. Wir sind ja in der Notaufnahme.
Per Code an einer Tür geht es ins angrenzende Krankenhaus. Wir rollen zu einem Fahrstuhl, der kommt nicht, also der andere. Dass ich von einem humpelnden Menschen im Rollstuhl gefahren werde ist mir peinlich, schließlich bin ich auf zwei Beinen bis ins Krankenhaus gekommen. Der Flur ist dunkel und trist. Wir warten und warten. Der Fahrstuhl kommt und mit dem Öffnen der Tür lerne ich den Beruf und auch den Arbeitsplatz einer „Liftier“ kennen.
Im Fahrstuhl befindet sich ein Stuhl, gepolstert mit einem Fell, behangen mit Beuteln und es gibt Apa Minerale und Gebäck an diesem Mikrokosmos Arbeitsplatz. Auf dem Stuhl liegt ein Buch, es sieht aus wie ein Schnulzenroman. Vielleicht war das Buch der Grund für das verspätete Auftauchen des Fahrstuhls, schließlich kam er ohne Patient an, also leer bis auf die „Madame Liftier“.
Wir fahren geschätzt drei Etagen, dann raus aus dem Fahrstuhl, einen Flur entlang und hinein in einen Raum mit Röntgenapparat. Nun erfolgt der Transfer aus dem Rollstuhl auf eine wirklich stark angegraute Papierunterlage. Der Raum sieht absolut trostlos aus. In der Ecke befindet sich ein altes Waschbecken aus Metall, früher mal weiß und ein uralter Wasserhahn mit antiken Wasserhähnen. Einige Fliesen sind abgeplatzt.
Weiterhin gibt es ein Fenster von 20 mal 20 Zentimetern in den nächsten Raum. Aha denke ich, hier schaut die Röntgenschwester durch. Und da kam sie auch schon bzw. sie erschien. Es handelte sich um eine wirklich stark übergewichtige, klein gewachsene Frau, die grußlos eintrat. Sie positioniert meinen Fuß, dann Apparat an, neue Position, Apparat an und fertig.
Der humpelnde Pfleger fährt mich auf einen Flur und nun heißt es wieder warten. Ich schaue mir eine Tafel mit den Namen der hier arbeitenden Ärztinnen an. Es ist ein reiner Frauenbetrieb, vier an der Zahl.
Langsam werde ich unruhig, meine Blase drückt schon seit geraumer Zeit. Ich möchte aufstehen und eine Toilette suchen, der Pfleger aber bedeutet mir, dass er mich hinfährt. Die Toilette befindet sich unmittelbar hinter der Tür, der Raum misst ca. 1,50 mal 1,50 Meter. Das Becken und die Brille sind beschmutzt, der Fußboden nass und Papier gibt es nicht. Dann geht’s auch so. Schnell noch an der abgerissenen Kette gezogen, ich bin ja nicht kleinwüchsig, und wieder ab in den Rollstuhl und zurück mit den Röntgenunterlagen zur „Madame Liftier“. Anscheinend ist Besuchszeit, es tauchen Menschen auf, die sich blaue Schuhüberzieher an- bzw. ausziehen.
Zurück zum behandelnden Chirurgen. Er bittet mich nach kurzer Wartezeit ins Behandlungszimmer und eröffnet mir, dass ein Bruch vorliegt. Zur Diagnostik liegt ein wirklich altes Lehrbuch vor ihm, die aufgeschlagene Seite zeigt die Zeichnung einen rechten Fußskeletts. Diese Abbildung vergleicht er mit dem Röntgenbild, sozusagen Ist-Zustand mit Soll-Zustand.
Im Durchgangszimmer erscheinen weitere Personen, unter anderem eine Dame in einer Art Bademantel und Schlappen, welche aber auch eine Ärztin ist. Der Chirurg zeigt mir in einem Katalog ein Hilfsmittel in Form eines Skistiefels. Er meint, das Teil bräuchte ich, das gibt es aber nicht. Deshalb muss der Fuß samt Unterschenkel eingegipst werden. Nun beginnt ein korpulenter Mann, meinen Fuß mit Gazebinden abzumessen. Die Anderen lachen hinter seinem Rücken und bedeuten mir, nichts zu sagen. Vielleicht wird er angelernt und irgendwann regiert der Herr über Gips und Binden. Er beginnt mir einen Gipsverband anzulegen, wobei zwei Personen diesen ständig korrigieren und sich das Lachen verkneifen. Ich bin auch ganz still. Nun erhalte ich noch ein Rezept über Fraxiparin, also Blutverdünner gegen Thrombose.
Jetzt sind wir fertig, die Belegschaft möchte mich verabschieden. Ich überlege, wie ich den Rest des Urlaubs auf meinem linken Bein rumhüpfen werde, es ist doch sehr anstrengend, auch wenige Meter. Bis zum Auto komme ich so nicht. Also bemühen wir noch mal den Katalog, bis wir die Seite mit den Unterarmstützen finden. Nach einem Aha-Effekt wird mir der Weg zu einer Art Sanitätshaus erklärt.
Mein Mann kapert einen Rollstuhl und parkt mich auf einer Bank ab. Nachdem er das Auto geholt hat und den Rollstuhl wieder hat dem Krankenhaus zukommen lassen hat (ja, ich schäme mich, ich dachte kurz daran ihn zu klauen, er würde ja benutzt werden und nicht einfach herumstehen aber so was macht man wirklich nicht) geht es ab in die Apotheke. Wir haben nicht aufs Rezept geschaut- für 30 Spritzen zahlt mein Mann umgerechnet ca. 60 Euro. Viel zu viele Spritzen, unser Urlaub dauert nur noch elf Tage!
Weiter zum Sanitätshaus. Zwei Gehhilfen kosten umgerechnet ca. 30 Euro. Und nun muss ich zusammenfassend mal was klarstellen:
Der letzte Skandal im Gesundheitswesen, den ich mitbekommen habe, beinhaltete nicht vorhandenes bzw. verdünntes Desinfektionsmittel. Dazu kann ich gar nichts sagen, ich habe weder welches gesehen noch gerochen...
Mein Mann wollte Geld für die Kaffeekasse dalassen, jedoch wurde das von allen Beteiligten strikt abgelehnt. Eine ablehnende Haltung des Personals gegenüber einer Aufstockung der Kaffeekasse habe ich in Deutschland noch nicht erlebt.
Nun noch kurz, wie der Tag weiterging. Nach einen Telefonat trafen wir uns in Poiana Marului mit unseren Freunden aus Thüringen. Den Abend und die Nacht verbrachten wir bei ihnen auf einen Grundstück bei Paltin. Die Idee, nach Negreni zu fahren, wollten wir nicht aufgeben. Gegenseitig zählten wir uns auf, welche Schnäppchen wir dort machen wollten. Schließlich handelt es sich um einen der größten (Bauern-) Märkte Rumäniens. Anschließend wollten wir noch eine Nacht im Trascului-Gebirge campen. Die Landschaft, der Herbst, die Motzenhäuser, draußen zu sein...nein, keine Planänderung. Lediglich unser Auto könnte für die vielen Mitbringsel und das Equipment plus vier Personen und einen Hund zu klein sein.
Mein Mann dachte, wenn wir einen kleinen Klappstuhl mit zum Markt nehmen, auf den ich mich mal schnell setzen könnte, würde der Marktbesuch schon realisierbar sein. Unser Freund hatte einen kleinen Angelhocker, den würden wir einfach an den Rucksack binden und bei Bedarf aktivieren. Wir tauften ihn den „Heiligen Klappstuhl“. Am nächsten Morgen begann unsere Reise, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, und die beginnt nicht in unserem Auto, sondern im Sprinter mit zwei Sitzen, vier Personen und einen Hund.