Ești singura?

von Christine Thürmer

Ești singura? – Bist Du allein unterwegs? Das ist die Frage, die mir als alleinreisende Frau auf meiner dreiwöchigen Wanderung durch Rumänien am häufigsten gestellt wurde – und zwar von Männern wie von Frauen gleichermaßen. Egal, ob ich an einem Bauernhof nach Wasser fragte oder ob ich einem Hirten oder gar einer Wandergruppe begegnete: jeder wollte zuerst wissen, ob ich alleine unterwegs war. Sicherlich waren die Menschen einfach erstaunt, eine alleinwandernde Frau zu treffen. Oder sogar besorgt um mein Wohlergehen. Doch manchmal erreichten sie mit ihrer Frage das genaue Gegenteil …
Am zweiten Tag meiner Wanderung durch Rumänien laufe ich abends eine Forststraße entlang und suche in der anbrechenden Abenddämmerung gerade einen diskreten Zeltplatz im Wald, als ich hinter mir Motorengeräusche höre. Genau der falsche Zeitpunkt, denn um ungewollte nächtliche Besuche zu vermeiden, bin ich gerade abends gerne unsichtbar. Doch jetzt ist Verstecken zwecklos, denn der Wald ist viel zu licht, um mich darin zu verbergen.
Schon wenige Sekunden später brettert ein ATV heran, völlig überladen mit gleich zwei Männern darauf. Der hintere muss sich auf dem schmalen Sitz am Fahrer festklammern, um nicht herunterzufallen. Das ganze wird dadurch erschwert, dass beide eine Flasche Bier in der Hand hielten. Und wie nicht anders zu erwarten war, halten die beiden auch direkt neben mir an. „Bist Du allein unterwegs?“, ist ihre erste Frage – und mir sackt das Herz in die Hose. Obwohl ich als Frau unterwegs nicht ängstlich bin, ist eine Begegnung mit zwei vermutlich angetrunkenen Männern mitten im Wald so ziemlich das Letzte, was ich mir abends wünsche.
Und leider würde auch meine übliche Notlüge von einem Begleiter nicht funktionieren, denn hier ist weit und breit niemand außer mir unterwegs. Notgedrungen nicke ich also: „Da, singura!“ Da ich sogleich als Ausländerin identifiziert worden bin, bohren die zwei in gebrochenem Englisch nach: „Wo willst Du denn übernachten?“ Natürlich liegt diese Frage um diese Uhrzeit, viele Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, auf der Hand – aber trotzdem treibt sie mir jetzt den Angstschweiß auf die Stirn. Im Geiste sehe ich die beiden schon nachts vor meinem Zelt stehen … „Im nächsten Dorf“, antworte ich daher verzweifelt – und komme mit dieser Lüge natürlich bei den beiden Einheimischen nicht durch. „Das nächste Dorf ist zwölf Kilometer entfernt! Das schaffst Du zu Fuß doch nie“, erwidern sie prompt und fangen an, wild auf Rumänisch miteinander zu diskutieren.
Dann scheint ihr Beschluss festzustehen: „Steig bei uns auf und wir bringen dich mit dem ATV ins Dorf“, erklärt mir der Beifahrer, rutscht noch weiter nach hinten und bedeutet mir, zwischen ihnen Platz zu nehmen. Selbst wenn ich mitsamt meinem Rucksack tatsächlich auf diesem winzigen Spalt Platz gefunden hätte – ich steige ganz sicher nicht nachts bei zwei angeheiterten, wildfremden Männern auf! Standhaft erkläre ich daher sicherlich ein Dutzend Mal, dass ich lieber laufe, während die beiden noch zehn Minuten lang im Schritttempo neben mir herfahren. Erst dann geben sie ihre Überredungsversuche auf und brausen endlich Richtung Zivilisation davon.
Kaum sind sie außer Sichtweite, verschwinde ich auf dem nächsten Trampelpfad in den Wald und suche mir einen besonders versteckten Zeltplatz. Besuch bekomme ich glücklicherweise nicht in dieser Nacht. Erst am Ende meiner Tour durch Rumänien wird mir klar, dass ich den beiden Männern vermutlich Unrecht getan habe. Denn - „Ești singura? – Bist Du allein unterwegs?“ - bin ich wahrscheinlich hundert Mal gefragt worden. Selbst als ich zwei Wochen später einen jungen Mann aus Bukarest auf dem Weg treffe, der sich in perfektem Englisch als IT-Berater vorstellt und hier in knallbunter Outdoorkleidung als Trailrunner unterwegs, lautet seine erste Frage: „Are you alone on the trail?“. Jetzt nicke ich nur noch ergeben – und denke mir nichts mehr Böses dabei.
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