Feldbahntreffen

von Frank Drechsel

Seit knapp 30 Jahren findet unter der Schirmherrschaft des Frankfurter Feldbahnmuseums alljährlich im Oktober das internationale Feldbahntreffen statt. Ausrichter dieses Treffen kann jeder Feldbahnverein sein, der natürlich auch eine eigene Fahrstrecke besitzt und natürlich müssen auch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer untergebracht werden.
Ging es in den ersten Jahren nur um ein Wochenende, hat sich seitdem aus dem Wochenende eine ganze Woche entwickelt. Von Montag bis Donnerstag findet das sogenannte Vorprogramm statt, wo andere Eisenbahnstrecken, technische Denkmäler, interessante Museen usw. besucht werden. Von Freitag bis Sonntag findet dann das eigentliche Treffen statt.
Im Jahr 2012 war mein eigener Verein, die Waldeisenbahn Muskau, Ausrichter dieses Treffens. In den Jahren danach waren es Vereine aus Lettland, Litauen und Polen. Auch an diesen Treffen nahmen mein Sohn Felix und ich teil.
Wenn es mehrere Bewerber gibt, wird über die Vergabe von den Teilnehmern demokratisch abgestimmt. Für das Jahr 2018 gewann diese Wahl die Wassertalbahn in Viseu de Sus. Das Vorprogramm gestaltete Georg Hocevar auf seinen von ihm in ganz Rumänien selber betriebenen Strecken. Da ich im Herbst noch nie in den rumänischen Karpaten war, freute ich mich besonders auf diese Veranstaltung. Insgesamt waren wir acht Teilnehmer von der Waldeisenbahn Muskau. Sechs davon reisten mit dem Zug an, Felix und ich mit dem eigenen Auto. Wir hatten dadurch den Vorteil, flexibler und schneller vor Ort agieren zu können. So konnten wir auch schon am 6. Oktober (Samstag) frühzeitig aufbrechen und waren am Nachmittag bereits in Arad. Dort fahren noch täglich die ältesten in Betrieb befindlichen Schnelltriebwagen der Welt. Erbaut wurden diese in den 1940er Jahren in der Lokfabrik Malaxa.
Nachdem die letzten Bilder vom Triebwagen im Kasten waren, fanden wir auch gleich eine Pension unmittelbar an der Überlandstraßenbahn von Arad nach Ghioroc. Der Sonntagmorgen begann dann genauso, wie der Vortag aufgehört hat – nur Sonne, Sonne, Sonne!
Während wir uns vormittags kurz der Straßenbahn widmeten, verfolgten wir ab Mittag wieder den alten Malaxa-Triebwagen zwischen Arad und Chrisneu Chris.
Von Santana aus ging es dann ostwärts nach Brad. In Sebis hatten wir den Zug dann eingeholt und konnten auch noch ein paar Motive mit dem französischen Triebwagen ablichten.
Bei Ankunft in unserer vorbestellten Pension in Brad mussten wir leider feststellen, dass unsere Zimmer doppelt vergeben waren. Zum Glück hatten die Besitzer in ihrem Wohnhaus noch ein Zimmer frei.
Am Montagmorgen ging es dann endlich richtig los. Nach einer kurzen Fahrt nach Chriscior, war der erste Ort unserer einwöchigen Reise erreicht. Nach uns nach trudelten auch alle anderen Reiseteilnehmer ein. Da die meisten mit dem Zug anreisten, darunter auch die sechs aus unserem Verein, wurden diese mit zwei Reisebussen von Deva abgeholt.
Es gab Teilnehmer aus Rumänien, Deutschland, Slowakei, Polen, Russland, Holland, Frankreich, Tschechien, England und der Schweiz! Nachdem Georg die 80 Gäste offiziell begrüßt hatte, ging es nahtlos zum ersten Programmpunkt – der Besichtigung seines Ausbesserungswerkes in Chriscior – über. Obwohl ich selber schon viermal dort vor Ort war, gibt es immer wieder Neues zu entdecken.
Nach ca. zwei Stunden fuhren alle mit einem Sonderzug auf der ehemaligen Werkbahnstrecke nach Brad und wieder zurück.
Während dieser Sonderfahrt ließ Georg die ehemalige Waldbahnlok 764 234 der Lokfabrik „Budapest“ per Tieflader über die Berge zum nächsten Ziel, dem Ort Abrud, bringen. Auf der ehemaligen Schmalspurbahn von Turda nach Abrud (eingestellt wurde diese 1998) betreibt Georg zwischen Campeni und Abrud einen saisonalen Touristenverkehr. Auf dieser Strecke gibt es in der Ortschaft Jacobesti ein ganz spezielles Problem, denn hier bauten die Leute illegal ihre Häuser und Gebäude illegal in Richtung Bahndamm, so dass hier nur noch mit sehr schmalen Waggons und Lokomotiven gefahren werden kann. Leute mit Platzangst sollten an dieser Stelle nicht mehr im Zug mitfahren.
Nach der Ankunft in Abrud fuhren die Busse und PKW über Zlatna, Alba Julia nach Sibiu, wo wir in der Nacht eintrafen. Am nächsten Tag stand eine Sonderfahrt mit der Überlandstraßenbahn von Sibiu nach Rasnari auf dem Programm. Sie ist die letzte Strecke der ehemaligen Sibiuer Straßenbahn. Seit meinem letzten Besuch (siehe Adventskalender 2011) hat sich hier einiges verändert. Mit dem Abriss des Depots in Sibiu hat die Straßenbahn dort keine Wendemöglichkeit mehr und dies, wo es nur drei Einrichtungstriebwagen aus der Schweiz gab. Abhilfe kam von Georg Hocewar, der in Österreich und in der Schweiz jeweils einen Triebwagen mit zwei Führerständen organisierte. Mit diesen neuen Fahrzeugen wird jetzt auf der Strecke gefahren. Leider gibt es keinerlei Unterstellmöglichkeit für die Fahrzeuge - Graffitischmierereien waren also vorprogrammiert.
Von dort aus fuhren wir weiter nach Sovata, die Busse über Medias, wir durch das Harbachtal entlang der ehemaligen Schmalspurbahn Sibiu-Agnita-Sighisoara. Sovata ist der Endpunkt der östlichen Strecke des ehemaligen Schmalspurnetzes von Targu Mures, welches 1997 ihren Betrieb einstellte. Bei einem Besuch 2011 im Depot Targu Mures befanden sich dort noch einige abgestellte Dampf- und Dieselloks. Dieser Fahrzeugbestand soll sich auch schon gelichtet haben. Obwohl das Schmalspurnetz unter Denkmalschutz steht, ist es mittlerweile auf mysteriöse Art und Weise verschwunden, bis auf das rund zehn Kilometer lange Streckenstück von Sovata nach Campul Cetatii, wo unser nächster Sonderzug schon bereit stand.
Von hier aus fuhren wir auch schon zu unserem nächsten Tagesziel, nach Comandau (siehe Rumänienadventskalender 2016). In den Serpentinen vor Comandau konnte ich die Reisebusse wieder überholen. Auf dieser Schotterpiste hätte ich nicht Busfahrer sein wollen. Einer der Reisebusse war dann auch noch in einen falschen Waldweg eingebogen und musste nach kilometerlanger Irrfahrt mitten im Wald bei stockfinsterer Nacht auf dem engen Waldweg in gefühlt mindesten hundert Zügen wenden – aber er hat es geschafft.
Da am Mittwoch ein noch strafferes Programm geplant war, hieß es um 05:30 Uhr aufstehen. Da wir uns in über 1000 Metern Höhe befanden, waren alle Scheiben vereist. Kein Wunder bei -5 Grad Celsius. An diesem Tag mussten einige Teilnehmer leider in der Pension bleiben. Die Gruppe wurde von einem Virus heimgesucht. Durch die Kälte in Comandau hatte sich eine ganz schöne Nebeldecke gebildet. Die Sonne hatte lange zu kämpfen, bis sie den Neben durchbrochen hatte. Im Bahnhof stand der Dampfzug schon bereit, wieder mit der Budapester Lok 764 243. Georg hatte sie direkt von Abrud nach Comandau bringen lassen. Obwohl ich ja nun schon mehrfach hier vor Ort war, gab es für mich doch noch zwei neue Motive. Da der Lokschuppen offen war, konnte ich endlich die drei Originaldampfloks von Comandau fotografieren. Die zweite Sache war die Befahrung der ehemaligen Strecke in Richtung der oberen Seilbahnstation über die Holombrücke. Georg hat mehrere Hundert Meter dieser Strecke für Fotosonderfahrten wieder instand gesetzt. Kurze Zeit nach der ersten Scheinanfahrt lugte die Sonne über die Berge – es war ein spektakulärer Anblick. Anschließend ging es dann weiter bis zum Streckenende im Holomtal und wieder retour.
Leider erwischte mich dann auch der Virus. Man kann sich nur wundern, wie lang der menschliche Magen-Darm-Trakt sein muss.
Mein einziges Bild aus Covasna
Erstmals konnte ich nicht selber fahren, sondern musste das Steuer an Felix übergeben. Ich war wie tot und habe die 350 Kilometer bis Moldovica durchgeschlafen. Als wir gegen 23 Uhr dort ankamen stellte sich heraus, dass es mittlerweile über zehn Personen erwischt hatte. Nach einer sehr unruhigen Nacht mit reichlich Tabletten war ich am Donnerstagmorgen einigermaßen wieder fit und konnte an der Sonderfahrt von Moldovica nach Argel mit Personen- und originalem Waldbahnzug zum Glück teilnehmen. Nachdem hier der Betrieb 2001 zum Erliegen kam, wurde diese Waldeisenbahn teilweise demontiert. Georg baute diese Strecke nach und nach wieder auf (siehe Rumänienadvendskalender 2012). Während der Personenzug von dr 764 404 R, Baujahr 1984, aus dem Traktorenwerk Reghin, gezogen wurde, beförderte die Resitalok 764 431, Baujahr 1954, den Güterzug. Nach vielen Fotohalten wurde in Argel Mittagessen serviert. Beide Züge wurden zusammengekoppelt und schon ging es wieder zurück nach Moldovica.
Von hier aus ging die Fahrt westwärts über den Prislop-Pass ins Wassertal. Zum Glück konnte ich selber wieder fahren. Auch der erste Tag im Wassertal versprach ein langes Programm, deshalb mussten wir diesmal schon 05:00 Uhr aufstehen. Trotzdem kamen alle (Mensch und Tier) noch zu ihrem Frühstück. Gegen 07:00 Uhr war dann Abfahrt mit Diesellok-bespanntem Produktionszug und dem russischen Triebwagen ging es in die Berge bis Valea Babei. Ab dort fuhr der Triebwagen alleine bis zum Streckenende nach Coman. Nach der Ankunft in Viseu de Sus gab es am Abend noch einige Diavorträge.
Und dann kam was kommen musste – bei Felix schlug der Virus mit den gleichen Folgen wie bei mir zu. Dadurch musste er den ganzen Samstag im Bett verbringen. Alle anderen, mehr oder minder einsatzfähigen Personen, konnten sich auf das Highlight der ganzen Woche freuen. Nach diversen Rangierarbeiten, nach Wasser, Holz und Kohle laden, begann die Fahrt von Viseu de Sus bis Batizu pünktlich um 08:00 Uhr mit drei auf Sichtabstand fahrenden Dampfzügen.
Während der erste Zug von Georgs Budapestmaschine gezogen wurde (er hatte sie von Comandau ins Wassertal umsetzen lassen), wurde der zweite Zug von der 764 211 der Lokomotivfabrik Orenstein & Koppel, aus dem Jahr 1910, befördert. Sie sollte ursprünglich nur bis Novat fahren, aber sie hielt dann zum Glück doch die gesamte Fahrt anstandslos durch. Den dritten Zug führte die Resitadampflok 764 421, aus dem Jahr 1954, an. Meine sechs Mitstreiter und ich wollten unbedingt im zweiten Zug mitfahren. Dieser hatte zwei offene Wagen, aus denen man während der Fahrt uneingeschränkt den vorderen und hinteren Zug fotografieren konnte. Da der Wagen mit den Sitzplätzen leider schon besetzt war, mussten wir mit dem Viehwagen vorlieb nehmen. Nachteile hatte die Sache leider trotzdem, zum einen war das Ein- und Aussteigen über die Bordwand nicht einfach und zum anderen war es ganz schön zugig und kalt. Trotzdem war es ein Genuss, das Wassertal so zu erleben.
Wie am Vortag dauerte es schon eine Weile, bis die Sonne über die hohen und steilen Berghänge ins Wassertal schien. Die Sonnenmotive waren aber dann der Lohn für die im Vorfeld ertragene morgendliche Kühle – was tut man nicht alles für sein Hobby.
In Cozia mussten alle drei Züge auf dem Ausweichgleis dem Touristenzug Platz machen.
Ein fotografischer Höhepunkt waren die drei Tunnel vor Botizu.
Nach über 26 Kilometern war hier der Endpunkt für uns erreicht. Die drei Loks brauchten einige Zeit, bis sie ihre Züge zurecht rangiert hatten. Die Drehschemelwagen vom Vortag bzw. ein Rücketraktor wurden an unsere Züge gleich mit angehangen. Die Waldarbeiter stiegen auch noch mit zu und wir nutzen die gesamte Zeit um ein wenig Sonne für die Rückfahrt im offenen Wagen zu tanken.
Gegen 17:00 Uhr erreichten wir dann wieder Viseu de Sus und ich fuhr gleich in die Pension, um nach meinem Sohn zu schauen. Da er sich auf dem Weg der Besserung befand, fuhr er gleich mit, weil es abends wieder Diavorträge gab. In der Nacht fuhren wir noch mit dem russischen Triebwagen nach Glimboaca zum Lagerfeuer mit Schnapsverkostung und Volksmusik. Sehr spät in der Nacht und völlig kaputt erreichten wir dann endlich unser Bett.
Der Sonntag war dann für fast alle der Heimreisetag. Das Holz wurde von den Drehschemelwagen entladen und Georg verlud wieder seine Lok und den Wagen. Sichtlich geschafft verabschiedete er all seine Gäste. Danach wurde es wieder ruhig in Viseu.
Unsere sechs Mitstreiter von der Waldeisenbahn Muskau bestiegen am späten Nachmittag in Viseu de Jos den Personenzug nach Dej. Felix und ich nutzen gleich die Gelegenheit und verfolgten und fotografierten gleich noch diesen Zug.
Da wir noch zwei Tage frei hatten, konnten wir in aller Ruhe am Montag das Eisenbahnmuseum in Dej besuchen.
Von da aus ging es dann ohne Probleme nach Hause zurück. Weit nach Mitternacht war Moosheim dann wieder erreicht.
Resümee:

  • über 4000 Kilometer gefahren
  • 10 Tage bestes Fotowetter
  • die bunten Karpatenwälder waren ein optischer Genuss
  • es entstanden über 1300 Bilder
  • Verbrauch von Unmengen an Toilettenpapier und Magen-Darm-Tabletten
  • trotz aller Widrigkeiten hat sich alles von Anfang bis Ende gelohnt
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Organisatoren, dem Lokpersonal, den Bremsern und Rangierern bedanken. Ohne sie wäre dieses Schmalspurevent nicht möglich gewesen. Aber mein ganz besonderer Dank gilt Georg, der mit seinem unermüdlichem Einsatz im Vorfeld und während des Feldbahntreffens diese Veranstaltung perfekt vorbereitete und durchführte.
Das nächste Feldbahntreffen findet im Oktober 2019 auf der Schortefeldbahn in Ilmenau (Thüringen) statt.
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