Ein besonderes Erlebnis

von Gudrun Pauksch

Im Mai war ich wieder für einige Tage in meinem Lieblingskloster, am breiten Fluss, dort wo Rumänien aufhört und Bulgarien anfängt. Die Nonnen luden mich zu einem abendlichen Spaziergang ein und während unseres Gespräches über Gott und auch ein bisschen über die Welt fragten sie mich, was ich denn an Rumänien so mag, dass ich immer und immer wieder komme.

Ich stammelte eine Antwort, denn so ganz genau auf den Punkt konnte ich es nicht sagen.

Ich kenne das „Juliagefühl" und auch Ronnys „Rumänienkoller“.
Ich habe alle 72 Gebirge des Landes gesehen, einige vom Berggipfel aus, viele aus der Perspektive des Tales und viele nur im Vorbeifahren.
Ich war in Bran, in Sibiu, in Bukarest, in Zece Prăjini und in Roman.
Ich kenne alle Klöster der Bukowina, ich bin im Schlammvulkan nahe Buzau versunken und ich habe das Eiermuseum in Vama und das Ceaușescumuseum in Targoviste besichtigt.
Ich stand unter den uralten klapprigen Windrädern auf dem Semenik und im Schwarzen Meer, kenne einige sächsische Kirchenburgen von innen und noch mehr von außen und habe die Entwicklung von Copsa Mica verfolgt.
Ich habe in Piatra Neamt in der Suite des teuersten Hotels geschlafen, irgendwo im Wald bei Deva alleine im Zelt, oft im Kloster und auf der Besuchercouch im 5. Stock eines Blockes in Targoviste übernachtet.
Ich war auf Hochzeiten und Beerdigungen und habe viele nette Erwachsene und Kinder mit und ohne traditioneller Kleidung getroffen.
Alles war spannend und schön und manchmal spektakulär.
Aber das Beste an Rumänien sind für mich die Erlebnisse, die tief zu Herzen gehen. Völlig unspektakulär und doch unvergesslich. Über eine solche Begebenheit möchte ich berichten.
Auf dem Weg von Piatra Neamts nach Targoviste zog mich das berühmte IRGENDWAS in einem kleinen Dorf weg von der Fernverkehrsstraße auf eine Nebenstraße. Statt LKW an LKW und öder Landschaft erblickte ich bunte Häuser mit großen Dächern, davor ebenfalls farbenfrohe hohe Lattenzäune. Ein älterer Herr mit Bart, er sah aus wie der Weihnachtsmann im Sommerurlaub, kam mir mit 2 roten Eimern vom Wasserholen entgegen. Wir grüßten uns und die Straße führte mich zum Dorf hinaus.
Eine gemischte Schaf – und Ziegenherde graste malerisch auf der Wiese und in der Ferne grüßte ein Kloster.
Das Kloster befand sich noch im Bau und es war auch niemand zu Hause. Also kehrte ich bald wieder um.
Im Dorf genoß ich den Blick auf diese und jene Kleinigkeit, auch wenn sich deren Sinn manchmal für mich nicht gleich ergab.
Ein Stückchen weiter erwartete mich der ältere Herr mit dem Bart, den ich zuvor mit den Eimern beim Wasserholen getroffen hatte. Er wusste, dass ich nur auf diesem Weg wieder zurück kommen konnte und hatte sich gut sichtbar positioniert um mich abzufangen.
Ich hielt kurzentschlossen auf sein Winken an und sofort ergoss sich ein freudig aufgeregter Redeschwall über mich. Ion komplimentierte mich auf eine Hollywoodschaukel, die an einem Zaun in der Nähe stand und rief seinen Freund Vasile. Dieser ist schon über 90 Jahre alt, hat im Krieg gekämpft, war Ingenieur und ist jetzt Witwer. Immer wieder fiel das Wort „singur“, welches in rumänischer Sprache einsam / allein bedeutet.
Die beiden Männer beschlossen mir einen Kaffee zu kochen und ich folgte ihnen in Vasiles Sommerküche.
Es wurde erklärt, dass Vasile hier sommers wie winters lebt, denn im großen steinernen Haus daneben fühlt er sich noch einsamer, seit seine Frau verstorben ist. Der Kaffe wurde auf der Hollywoodschaukel serviert.
Vasile und ich bekamen das feine Porzellan und Ion den Topf mit dem Kaffeesatz, wahrscheinlich wegen dem Wunsch nach noch mehr Schönheit.
Wir 3 hatten viel Spaß. Die beiden Alten benahmen sich wie Teenager, foppten und neckten sich und waren einfach fröhlich. Sie erzählten mir aber auch immer wieder, dass ihre Kinder sich im Ausland befinden, nie zu Besuch kommen und sie sich sehr alleine fühlen.
Schließlich zog sich Ion die Hosen aus. Ich war etwas irritiert. Aber er wollte mir unbedingt seine 35 Jahre alte Beinprothese zeigen. Rumänische Handwerkskunst mal anders. Solide und unverwüstlich. Ich hatte tatsächlich nicht bemerkt, dass ihm ein Bein fehlt.
Ein großer Spaß war das unausweichliche Fotoshooting. Vasile schimpfte mit Ion, dass er nicht qualifiziert zum Fotografieren wäre. Trotzdem sind unsere Fotos schön geworden, finde ich.
Ion wollte mir auch noch sein zu Hause zeigen.
Auch er lebt allein in seinem gepflegten blauen Häuschen mit sehr schön angelegtem Garten, umgeben von vielen Heiligenbildern und Erinnerungen.
Zum Abschied umarmten wir uns alle ganz herzlich und ich bekam noch einen selbst gepflückten Blumenstrauß überreicht.
Schließlich habe ich die beiden Männer mit einem wunderbaren liebevollen Gefühl verlassen, Ich denke sehr oft an sie und hoffe, sie kommen gut über den Winter.
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