Über die Südausläufer in das Fagarasch

von Hans-Ulrich Schwerendt

Im letzten Jahr wollten Willi und ich nach langer Zeit wieder einmal im Fagaraschgebirge wandern. Der Bergkamm verläuft in Ost-West-Richtung und ist ungefähr 70 Kilometer lang. Das Fagarasch ist mit seinem 2544 Meter hohen Moldoveanu das höchste Gebirge Rumäniens.
Meist steigt man im Norden oder an den Enden des Gebirges ein und ist dann sehr schnell auf dem Hauptkamm. Wir wollten aber von Süden kommend einsteigen. Im Gegensatz zu den schroffen, steil abfallenden Nordausläufern erstrecken sich die Südausläufer bis zu 40 Kilometer ins Land. Über diese Südausläufer sollte es auf den Hauptkamm gehen. Beginnen wollten wir unsere Wanderung im Coziagebirge und vor dem Negoiugipfel auf den Hauptkamm treffen und dann kurz vor Ende des Fagaraschgebirges über einen Sattel in das angrenzende Iezer-Păpușa-Gebirge wandern. Da wir nicht in die Berghütten absteigen wollten, hatten wir für 12 Tage Essen mit. Dementsprechend schwer waren unsere Rucksäcke!
Am Sonntag morgen kurz vor 8 Uhr sitzen wir im Personenzug Richtung Râmnicu Vâlcea und fahren das Oltal entlang. Schon gegen 10 Uhr sind wir im Kloster Mănăstirea Turnu und machen einen kurzen Halt und besuchen den orthodoxen Gottesdienst.
Einige Zeit lauschen wir den Gesängen der Mönche, dann starten wir zu unserem ersten Ziel zur Cabana Cozia. Der Aufstieg ist sehr beschwerlich. Es ist Ende August, es sind an die 30 Grad und es geht sehr steil bergauf. Belohnt werden wir dafür mit tollen Aussichten bis weit in die Tiefebene.
Unterwegs begegnen wir mehreren Wandergruppen, teilweise bis zu 30 Leuten, welche zum Sonntagnachmittag vom Coziagebirge absteigen. So sind nur noch wenige Gäste in der Cabana Cozia, als wir diese zum späten Abend erreichen. Auf der Terrasse genießen wir die untergehende Sonne und später die funkelnden Lichter der Städte und Dörfer in der Tiefebene.
Am nächsten Morgen wandern wir auf der anderen Seite des Cozia-Massives in Richtung Fagaraschgebirge. Der Wanderweg ist zwar gut ausgeschildert, aber auf dieser Seite nicht so oft begangen. So ist er an vielen Stellen zugewachsen oder durch umgestürzte Bäume blockiert. Aber irgendwann stehen wir auf einer Lichtung und vor uns liegt das Fagaraschgebirge.
Doch zuvor müssen wir erst wieder absteigen! Am späten Nachmittag erreichen wir das Dorf Perișani. Gleich am Dorfeingang werden wir an einen Zaun gewunken und bekommen Melone angeboten. Das ist die beste Erfrischung nach dem Abstieg in sengender Hitze. Doch es kommt noch besser. Der Besitzer des Grundstücks bietet uns an, in das Nachbardorf zu fahren. So erspart er uns etliche Kilometer Wanderung auf der Landstraße. In Mlăceni setzt er uns am Magazin Mixt ab.
Nach einer langen Pause wandern wir die Hauptstraße hinauf an das Ende des Dorfes, besichtigen unterwegs noch eine Kirche und kommen immer wieder mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch. Oberhalb des Dorfes bauen wir am Fuße der Südausläufer des Fagarasch unsere Zelte auf.
Am nächsten Morgen beginnen wir mit dem Einstieg. Schon an der ersten Weggabelung müssen wir anhalten, da es hier keine ausgeschilderten Wanderwege gibt. Während wir noch unsere Wanderkarten studieren, kommen zwei Männer des Weges, jeder beladen mit ungefähr 70 Kilogramm Käse. Sie erklären uns ausführlich den Weg. Aber wahrscheinlich sind wir doch einen Weg zu zeitig abgebogen. Dieser Weg endet auf einer Bergwiese. Zurück wollen wir nicht und so folgen wir einer immer steiler werdenden Schafsherdenspur hinauf auf den Kammweg. Inzwischen zieht auch Nebel auf und es wird merklich kühler.
Irgendwann kommen wir dann doch auf einem Traktorpfad und wandern diesen weiter. Plötzlich taucht aus der Nebelwand eine Hirtenhütte auf. Die Hunde kündigen uns lautstark an und so werden wir in die Hütte hineingebeten. Auf dem Feuer vor dem Haus kocht ein Kessel Milch. Drinnen bekommen wir die riesigen Käsevorräte gezeigt und müssen mehrere Sorten probieren. Dann dürfen wir zuschauen, wie die Milch vom Feuer genommen wird.
Zum Schluss begleitet uns ein Hirte noch im Nebel bis auf den nächsten Hügel und zeigt uns den richtigen Weg. Diesen Weg wandern wir eine ganze Zeitlang. Irgendwann lichtet sich der Nebel, aber nun sehen wir auch, dass unser Weg von einem Tal durchzogen wird. So müssen wir einige hundert Meter absteigen. Unten angekommen stehen wir vor einer Wegkreuzung mit mehreren Wegen. Auch hier gibt es noch keine ausgeschilderten Wanderwege. Nach längerem Studium unserer Karte entscheiden wir uns schließlich für einen und wandern dem Flußlauf folgend langsam wieder bergan. Nach einiger Zeit hören wir Hundegebell und vor uns taucht eine riesige Herde von Schafen auf. Schon stehen wir mittendrin.
Der Hirte bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Er läuft ein Stück mit uns mit und zeigt uns auch noch eine Abkürzung. So sparen wir uns einige Serpentinen auf dem Traktorenpfad. Als es dämmert, erreichen wir die nächste Hirtenhütte und schlagen auf der Wiese davor unsere Zelte auf. Auch hier werden wir hineingebeten und man zeigt uns die Käsevorräte. Hier ist der Käse in Schweinedärme abgefüllt. Dies sieht sehr interessant aus, wie überdimensionale Straußeneier!
Durch die vielen Auf- und Abstiege der letzten drei Tage haben wir so einen Muskelkater, dass wir uns kaum noch bewegen können und schlafen sehr schnell ein. Am nächsten Morgen werden wir durch unsere riesige Schafherde geweckt. Wir kaufen den Hirten eine Flasche Schafsmilch ab und wandern nach dem Frühstück los. Gegen Mittag erreichen wir die ersten Hochweiden und nun können wir das Fagarasch mit seinen Südausläufern sehen!
Es ist so schön, dass wir immer wieder Fotopausen einlegen. Die 2000-Meter-Marke haben wir auch schon überschritten.
Von einem dieser schönen Ausblicke entdecken wir eine leerstehende Hirtenhütte am Waldrand. Wir steigen zu ihr hinab und bauen dort unsere Zelte auf. Während Willi auf Trinkwassersuche geht, sammle ich Holz für ein Lagerfeuer. Direkt uns gegenüber liegt ein anderer Ausläufer. Auf dem wollen wir morgen weiterwandern.
Um auf den anderen Ausläufer zu kommen, müssen wir zuerst ungefähr 400 Höhenmeter ins Tal absteigen, bevor es auf der anderen Seite wieder hinaufgeht.
Da die Hirtenhütte schon sehr lange leer steht, ist ringsherum kein Weg mehr zu entdecken. So steigen wir querfeldein ins Tal ab. Unten am Fluss entdecke ich zwei Bäume, welche direkt nebeneinander liegen. Ich trete ein paar Äste ab und so entsteht eine sichere Brücke.
Auf unserer Wanderkarte ist ein markierter Wanderweg auf den Südausläufer eingezeichnet. Aber trotz intensiver Suche finden wir keinen Weg nach oben. So laufen wir den Forstweg am Fluss weiter. Nach mehreren Kilometern endet er und nun geht es auf einem kleinen Trampelpfad weiter. Dieser Weg ist mit einem roten Dreieck markiert. Aber auf einer großen Wiese finden wir keine weitere Markierung. Auch der Weg ist nicht mehr erkennbar. Wahrscheinlich wird er auch nicht so oft begangen. So stellen wir unsere Rucksäcke ab und suchen solange den Waldrand ab, bis wir den Weg endlich auf der anderen Seite der Wiese gefunden haben. So haben wir eine Menge Zeit verloren. Der Wanderweg ist traumhaft schön. Man hört nur den Wind und das Wasser rauschen. Andere Geräusche gibt es nicht.
Das Tal wirkt richtig entschleunigend und wir sind jetzt sehr froh, dass wir den Weg auf den Ausläufer nicht gefunden haben. An einem kleinen Wasserfall machen wir eine Pause und legen uns in das Gras. Plötzlich taucht neben uns Lorenz auf. Es ist mit seinem Hund unterwegs und der erste Wanderer, den wir seit unserem Einstieg in die Südausläufer treffen. Lorenz erzählt uns, dass er vor zwei Tagen aus dem Fagarasch vor Sturm, Gewitter und Hagel geflüchtet ist. Er hat hier in den Ausläufern in einer leerstehenden Hirtenhütte übernachtet und wir sind die ersten Menschen, denen er in diesem Tal begegnet.
Gegen Abend erreichen wir unterhalb des Hauptkamms ein Felsplateau mit einem fantastischen Ausblick. Wir sind uns sofort einig, dass dies der ideale Zeltplatz ist. Schnell sind die Zelte aufgebaut, der Kocher angeworfen und dann ist Zeit für den fabelhaften Ausblick. In weiter Ferne sehen wir das Cozia-Massiv, den Ausgangspunkt unserer Wanderung.

Am nächsten Morgen erlebe ich zum ersten Mal die berüchtigten Fallwinde in den Bergen. Ich habe schon oft von ihnen gehört, aber sie noch nie erlebt. Der Wind ist sehr warm und biegt die Zeltstangen extrem durch.

Bei schönstem Sonnenschein wandern wir los und erreichen bald den 2535m hohen Vârful Negoiu. Er ist der zweithöchste Berg in Rumänien. Überwältigt genießen wir den Rundumblick in alle Richtungen.
Nun geht es auf dem Hauptkamm weiter. Oft müssen wir an engen Stellen stehenbleiben, um Wandergruppen und Tagesausflügler vorbeizulassen, manchmal bis zu 20 Personen auf einmal. Das ist nach dem Wandern in den kaum begangenen Südausläufern eine ganz schöne Umstellung für uns.
Am Lacul Călțun machen wir eine Pause und treffen zwei Langstreckenwanderer. Der eine von ihnen ist 70 Jahre alt. Gestartet sind beide in Băile Herculane. Das sind ungefähr 290 Kilometer! Der 70-jährige erzählt uns, dass morgen seine Frau am Transfagaraschpass mit dem Auto und Essensnachschub auf ihn wartet.
Gegen Abend erreichen wir den Lacul Capra. Eine Gruppe von Wanderern aus Timișoara bietet uns warme Suppe und Mamaliga an. Später zaubern sie noch einen Tee. Sie kochen ihn in einem riesigen Topf, welcher von drei MSR-Kochern beheizt wird. Der Tee ist unbeschreiblich lecker. Es wurden dafür unzählige Zitronen geschält, diverse andere Zutaten und Honig kamen hinein.
Am nächsten Morgen wandern wir auf dem Kammweg weiter.
Auf diesem Teilstück treffen wir nur wenige Wanderer. Einige warnen uns, dass das Wetter umschlagen wird. Am späten Nachmittag entdecken wir kurz vor dem Moldoveanu einen kleinen Talkessel mit einer Quelle und einer Wiese zum Zelten. Wir steigen ab und bauen dort unsere Zelte auf.
In der Nacht treten die vorhergesagten Wetterprognosen ein und es zieht ein mächtiges Gewitter durch das Gebirge. Auch am nächsten Morgen regnet es noch. In einer Regenpause bauen wir unsere Zelte ab und steigen wieder auf dem Kammweg hoch. Heute ist es nicht mehr so gemütlich. Der Moldoveanu ist in Wolken eingehüllt und es weht ein böiger Wind. Als wir auf dem 2524 m hohen Vistea Mare ankommen, beträgt die Sichtweite nur wenige Meter. Wir sparen uns den kurzen Weg hinüber zum nur 20cm höheren Moldoveanu, dem höchsten Gipfel Rumäniens, und steigen wieder ab. Nun kommen uns in der nächsten Stunde jede Menge Tageswanderer entgegen, die trotz der geringen Sichtweite auf den Moldoveanu wollen.
Unten im Sattel angekommen, machen wir eine kleine Pause. In dem Moment reißt die Wolkendecke auf und wir können kurz den Moldoveanu sehen. Nun geht der Weg bequem auf einer Höhe weiter. Der Wind hat sich gelegt, aber die Sichtweite beträgt wenige Meter. Nach einer Stunde fängt es zu tröpfeln an. Ich ziehe mein Regenponcho an und wandere weiter. Plötzlich wird die Stille von einem Donnerknall zerrissen. Dem Klang nach zu urteilen ist der Blitzeinschlag nicht allzuweit weg. Da wir gerade weiter hoch in den nächsten Sattel wandern, bleiben wir stehen und setzen uns auf einen Stein, um die weitere Wetterentwicklung abwarten. So sitzen wir da und warten. Einige Minuten passiert gar nichts. Außer dem leichten Tröpfeln des Nieselregens ist nichts zu hören. Dann folgt ein zweiter Donner. Durch den Nebel sehen wir den Blitz nicht. Aber diesmal ist der Blitzschlag noch näher! Ich stehe auf und überlege, wie ich mit meinem schweren Rucksack auf dem Rücken in eine Hockstellung gehen kann. Durch den Poncho kann ich ihn nicht absetzen. In diesem Moment bekomme ich einen kräftigen Schlag zwischen meine Schultern, mir presst es die Luft aus der Lunge und ich torkele ein paar Schritte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Dass ein Blitz in unmittelbarer Nähe eingeschlagen ist, realisiere ich erst Sekunden später. Was in dem Moment genau passiert ist und was dieser Schlag in meinem Rücken war, kann ich bis heute nicht so recht einordnen. Nun hocke ich mich schnell hin und lehne mich mit meinem Rucksack gegen einen Stein. Jetzt geht das Unwetter erst richtig los. Ohne Unterbrechung schlagen die Blitze um uns ein, es fängt an wie aus Eimern zu schütten und der aufkommende Sturm peitscht mir den Regen genau in mein Gesicht. So ziehe ich meinen Kopf in den Regenponcho zurück. Dies ist ein großer Fehler, denn nun läuft das Wasser durch die freigewordene Öffnung. Es ist so, als würde jemand einen Wasserschlauch in den Poncho halten. Am Anfang versuche ich noch verzweifelt, die Öffnung mit der Hand zuzuhalten, aber bald gebe ich den Kampf auf und ergebe mich den Wassermassen. Da ich unter einem Poncho schnell schwitze, habe ich nur ein kurzärmeliges Shirt an und das Regenwasser ist eiskalt.
Nach ungefähr einer Viertelstunde ist das Unwetter vorbei und der Nebel lichtet sich. Wo vorher alles trocken war, stürzen nun um uns herum unzählige Wasserfälle in das Tal. Die Wassermassen sind enorm, manchmal sind es Sturzbäche, bis zu einem Meter breit!
Wir raffen uns wieder auf und ich frage Willi, ob er den Blitz gesehen hat, der in unmittelbarer Nähe bei uns eingeschlagen ist. Willi sagt, dass es ein heftiger helltönender Knall war. Gespürt hat er aber im Gegensatz zu mir nichts.
So wandern wir triefend nass weiter und sind froh, dass das Unwetter vorbei ist. Aber die Freude währt nicht lang. Als wir kurze Zeit später den nächsten Sattel passieren, fährt das Wetter neue Geschütze auf. Jetzt setzt Eisregen ein, kombiniert mit einem deftigen Sturm. Das Eis schlägt uns waagerecht ins Gesicht. Der Sturm ist so böig, dass wir wie Betrunkene den Weg entlangtorkeln. In der Ferne sehe ich einen weiteren Sattel. Ich brülle Willi zu, dass wir dorthin laufen und in den Windschatten absteigen. So torkeln wir weiter. Wir müssen uns richtig seitwärts lehnen, damit wir nicht umgeworfen werden. Aber nach wenigen Sekunden bricht die Windböe ab, als wenn man sie mit einem Schalter ausgeschaltet hätte. Jetzt müssen wir blitzschnell gegensteuern, sonst kippen wir in die andere Richtung. Dann geht der Schalter wieder an und wir müssen uns genauso schnell wieder entgegenlehnen. Trotz dieser prekären Situation muss ich innerlich lachen und denke, wenn uns jetzt jemand sehen würde, dann würde er uns sicherlich für absolut betrunken halten. Nach einer weiteren Viertelstunde sind wir am Sattel angelangt. Aber mein Plan geht nicht auf. Wir schauen senkrecht eine Felswand nach unten. Keine Abstiegsmöglichkeit! Wir sehen uns ratlos an. Weiterwandern ist unmöglich. So steigen wir in Windrichtung einige Höhenmeter ab und wollen eine etwas windgeschützte Stelle suchen, um unsere Zelte aufzuschlagen.
Nach einiger Zeit haben wir eine halbwegs gerade Stelle neben einem großen Felsen gefunden. Jetzt kommt der Moment, vor dem ich mich immer gefürchtet habe: mein Zelt in Sturm und Regen aufzubauen. Mein kleines Zelt besteht aus zwei Teilen. Zuerst muss das Unterzelt aufgebaut und fixiert werden. Im Überzelt gibt es ein kleines Loch. Dadurch muss die Spitze des Zeltgestänges gefädelt und diese dann im Überzelt fixiert werden. Danach wird das Überzelt hinten festgeklippt. Das ist schon ohne Sturm eine sehr filigrane Angelegenheit. Solange das Überzelt noch nicht auf dem Zelt angebracht ist, dringt Regenwasser ungehindert in das Zeltinnere. Aber der Zeltaufbau geht besser als gedacht und innerhalb von 10 Minuten steht mein Zelt. Bei Willi bricht bei dem Wetter eine Zeltstange. Gemeinsam basteln wir die Reparaturhülse auf das Gestänge und dann steht auch sein Zelt.
Als ich dann endlich in mein Zelt krieche, weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder ob ich losheulen soll. Zuerst der freudige Grund: Mein Zeltboden ist absolut wasserdicht!!! Aber nun: Mein Zelt steht leicht abschüssig und die wenigen Minuten ohne Überzelt reichten aus, dass im hinteren Teil des Zeltes das Wasser 5cm hoch steht! Mit meiner Tasse schöpfe ich das Wasser in das Vorzelt und reibe den Zeltboden mit meinem Handtuch trocken. Zum Glück sind der Rucksackinhalt und mein Daunenschlafsack nicht nass geworden. Ich ziehe meine völlig durchnässten Sachen aus und krieche vor Kälte zitternd in den Schlafsack. Nach einer halben Stunde bin ich wieder aufgewärmt und die Welt ist so halbwegs in Ordnung.
Am nächsten Morgen hat es aufgehört zu regnen und auch die Sonne lässt sich für eine halbe Stunde blicken. Sofort breiten wir unsere nassen Sachen auf den Steinen aus. Wir wissen, dass das schlechte Wetter im Fagarasch festhängt. So beschließen wir, zügig weiterzuwandern, um über eine Querverbindung aus der Schlechtwetterfront in das Iezer-Păpușa-Gebirge zu wandern.
Wir laufen den ganzen Tag im Nebel weiter. Gerade in dem Moment, als Willi meint, dass wir gar keine Wanderer mehr träfen, taucht aus dem Nebel ein Gruppe von 7 Männern auf. Sie kommen aus Göttingen und sind in unserem Alter. Wir tauschen uns kurz über den Weg und das Wetter aus und dann wandern wir weiter. Trotz des Nebels bekommen wir immer wieder tolle Farbspiele zu sehen.
Gegen Abend sind wir bis auf eine Stunde an den Verbindungsweg zum Iezer-Păpușa-Gebirge ran gewandert. An einer Schutzhütte beschließen wir, unser Nachtlager aufzuschlagen. Willi baut sein Zelt auf und ich entscheide mich für die Blechhütte. Beides ist nicht wirklich gemütlich.
In der Hütte haben Wanderer den genauen Weg zur nächsten Quelle an die Wand gemalt. So finden wir schnell Trinkwasser. Auf dem Rückweg entdecken wir noch eine aus Folie und Holzstangen gebaute Hirtenhütte neben einem leeren Gehege. Die Schafe sind wahrscheinlich schon ins Tal getrieben worden. Aber das muss noch nicht so lange her sein, denn die Feuerstelle qualmt noch etwas. Nachts beginnt es wieder leicht zu regnen.
Am nächsten Morgen ist es trocken und bald erreichen wir den 10 Kilometer langen Verbindungskamm hinüber zum Iezer-Păpușa-Gebirge. Und unser Plan geht diesmal auf. Nach kurzer Zeit sind wir aus der Waschküche raus und wir sehen auf das wolkenverhangene Fagarasch zurück.
Wir machen immer wieder Pausen, genießen die Sonne und essen uns an Blau- und Preiselbeeren satt, welche es hier reichlich gibt. Aber wir treffen auch auf völlig abgeerntete Sträucher. Die abgerissenen Blätter lassen uns ahnen, dass hier keine Menschen am Werke waren. Und tatsächlich finden wir auf dem Weg mehrmals Bärenkot. Am Ende des Verbindungskamms finden wir eine Quelle. In unmittelbarer Nähe stehen schon zwei andere Zelte. Wir bauen unsere Zelte neben ihnen auf. Willis Zelt ist noch von der letzten Nacht nass. Als er sein Zelt abspannt, verwandelt sich die Nässe innerhalb von Sekunden in Eiskristalle.
Am nächsten Morgen regnet es und das Iezer-Păpușa steckt komplett in den Wolken. Die Rumänen neben uns bauen ihre Zelt ab und wandern Richtung Fagarasch los. Wir beschließen für heute einen Ruhetag einzulegen. Gegen Mittag hört es endlich auf zu regnen. Willi zieht los und will die Umgebung erkunden, auch hofft er ein paar Bären zu sehen. Ich lege auf so eine Begegnung überhaupt keinen Wert!!!
Während Willi unterwegs ist, sammle ich Feuerholz und esse mich an den üppig vorhandenen Blaubeeren satt. Zwischendurch scheint immer wieder die Sonne und zaubert die Landschaft in ein traumhaftes Licht. Genau in der Senke, wo die Sonne hinscheint, stehen unsere Zelte.
Gegen Abend laufe ich zur nächsten Anhöhe. Vielleicht habe ich dort Handyempfang und kann auch ein paar schöne Sonnenuntergangsfotos machen. Oben angekommen setze ich mich auf einen Felsen. Der Handyempfang ist so schlecht, dass kein Telefonat zustande kommt. Zwischendurch höre ich es immer wieder in den Sträuchern unter mir knacken, kann aber nichts entdecken. Nach einigen erfolglosen Anrufversuchen schalte ich das Handy aus und lege es beiseite. Jetzt höre ich wieder ein Knacken. Als ich in diese Richtung schaue, sehe ich schräg unter meinem Felsen einen Bären genüsslich beim Abendbrot in den Blaubeersträuchern. Vorsichtig nehme ich meinen Fotoapparat und zoome ihn mit meinem 200er Tele so nah wie möglich ran. Obwohl ich ein ganzes Stück weg vom Bären sitze, scheint er doch das Klacken des Kameraspiegels zu hören, denn nun hebt er seinen Kopf und lauscht. Vorsichtig sammle ich meine Sachen wieder ein, stehe langsam auf und ziehe mich hinter den Hügel zurück. Abends sitzen wir endlich wieder mal bei einem Lagerfeuer zusammen und bekommen sogar einige Sterne zu sehen.
Am nächsten Tag wandern wir auf den 2469 m hohen Vf. Rosu des Iezer-Păpușa-Gebirges. Hier oben haben wir endlich mal wieder einen Blick in alle Richtungen. In der Ferne sehen wir das Fagarasch, natürlich wolkenverhangen!
Im Iezer-Păpușa läuft man wie auf einem Plateau. Unterwegs treffen wir einen Hirten mit einer riesigen Schafherde. Da wir unbedingt auf dem Plateau zelten wollen, lassen wir uns von ihm erklären, wo man hier oben Wasser finden kann. Immer wieder sehen wir tolle Wolkenformationen. Aber zum Glück bleibt es trocken.
So bauen wir am Rande des Plateaus unsere Zelte auf und suchen die von dem Hirten beschriebene Wasserstelle. Am Abend können wir zwar nicht das Fagaraschgebirge sehen, aber beeindruckende Wetterkapriolen direkt vor unserem Zeltplatz.
Heute steigen wir zum Vf. Păpușa auf. Er ist unser letzter Gipfel auf der Wanderung. Es weht ein eisiger Wind und immer wieder wandern wir in den Wolken. Als wir den Vf. Păpușa erreichen, reißt kurz die Wolkenwand auf. Majestätisch liegt vor uns das Piatra Craiului, der Königsstein.
Nun geht es über langgezogene Bergausläufer hinunter ins Tal. Je tiefer wir absteigen, desto wärmer wird es. Wir kommen aus den Wolken heraus und haben eine fantastische Fernsicht. Am Horizont können wir den Ort Rucăr sehen, das Ziel unserer Wanderung. Es gefällt uns hier so gut, dass wir beschließen, an einer schönen Aussichtsstelle unsere Zelte aufzuschlagen.
Der Wind ist jetzt auch nicht mehr so eisig. Aber diesmal ist es nicht so einfach, unsere Zelte aufzustellen. Der Wind stürmt von hinten und drückt unsere Zelte zusammen. Zuerst bricht bei Willi wieder eine Zeltstange. Wir reparieren sie mit einer weiteren Reparaturhülse und bald steht sein Zelt. An meinem Zelt verzweifeln wir. Wir bekommen bei dem Wind das Überzelt nicht durch die Zeltstange gefädelt und gespannt. Als wir es fast geschafft haben, bricht auch bei mir mit einem lauten Knall eine Zeltstange. Als ich nach meiner Reparaturhülse suche, fällt mir ein, dass ich sie im letzten Urlaub für mein anderes Zelt verwendet habe. Mit zwei Zeltheringen und Klebeband reparieren wir notdürftig die Zeltstange.
Dann legen wir meinen Rucksack zum Beschweren in das Zelt und nach einer halben Stunde Kampf steht auch mein Zelt.
Am nächsten Tag brechen wir zeitig auf, denn es liegen 20 Kilometer Traktorenpfad bis ins Tal vor uns.
Am späten Nachmittag erreichen wir Rucăr. Wir nehmen uns eine Pension und nach einem ausgiebigen Bad sitzen wir im Dorfrestaurant. Nach 12 Tagen Essen aus der Tüte genießen wir das frisch zubereitete Essen!!!
Die nächsten beiden Tage dienen der Erholung. Es ist Sonntag und unser Pensionswirt erzählt uns, dass heute Markttag in Rucăr sei. So schlendern wir über den Markt und später besichigen wir alle drei orthodoxen Kirchen. Da heute Sonntag ist, findet in jeder Kirche ein Gottesdienst statt. Dann trampen wir noch in den Nachbarort Dragoslavele, besuchten dort ein kleines Kloster, entdecken einen deutschen Soldatenfriedhof und werden von einer rumänischen Familie zu Kaffee, Kuchen und einem Glas selbstgemachten Wein eingeladen.
Am Montag wandern wir mit Tagesrucksack auf den Hausberg von Rucăr. Dort haben wir einen schönen Ausblick auf Rucăr und die Ausläufer des Iezer-Păpușa-Gebirges. Von dort steigen wir nach Podu Dâmboviței ab und wanderen im Tal zurück. Da es in der Schlucht keinen Wanderweg gibt, laufen wir die 5 Kilometer durch den Fluss. Zum Glück hatte ich vorsorglich meine Neoprensocken mitgenommen!
Am nächsten Morgen stehen wir um 7 Uhr an der Bushaltestelle und fahren Richtung Brașov/Kronstadt. Unterwegs machen wir noch Station in Râșnov/Rosenau. Aber hier möchte ich mit meinem Reisebericht enden, da er jetzt schon viel zu lang geworden ist. Trotz manch eisiger Kapriolen war es eine tolle Wanderung. Nun wünsche ich allen Lesern des Adventskalenders ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest.
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