Tag 2 – Die versunkene Kirchenburg

von Ingrid Fillinger

„Wir sind da“. Alex Stimme zerschneidet gerade meinen Gedankenvorhang, in den ich mich während der Fahrt eingerollt und in verschiedenen Szenarien betrachtet hatte. Neugierig blicke ich auf die Anzeige neben dem Echolot. Die Temperatur an der Oberfläche beträgt jetzt knapp 32°C. Während ich nach dem Strahler greife, überprüft Alex ein letztes Mal an seiner Kamera die Dichtringe der Abdeckungen für Akku und Speicherkarte. Als er fertig ist, sieht er mich fragend an. Bevor wir uns ab sofort nur noch mit Handzeichen verständigen können, antworte ich mit einem Zwinkern: „Los, lass uns jetzt mal untergehen.“
Während die Geräuschkulisse der Außenwelt langsam verstummt, finde ich es amüsant, dass mir ausgerechnet die Geigen des Titanic Songs „Hymn to the Sea“ kurz einfallen. Doch dann klingt in meinen Ohren nur noch gleichmäßig dumpf meine eigene Aufregung. Erstaunlich klar ist dafür die Sicht, so dass es mir leichtfällt, mich an meinem Vordermann zu orientieren, dicht hinter ihm zu bleiben und mit ihm in die vergessene Welt einzutauchen.
Als wir uns den Gitterstäben des Eisentors nähern, sehe ich Alex Handzeichen mimen. Seine Fäuste sind mit ausgestreckten Zeigefingern hintereinander angeordnet, um mir mitzuteilen, an dieser Engstelle müsste einer dem andern hindurch folgen.
Die dicken Mauern hinter uns lassend, dringen wir in den Burghof ein und befinden uns vor der großen, steinernen Wehrhaftigkeit, an der nicht allein die Zeit ihre Raubzüge, außen wie innen, vollzogen hat. Alex visiert entlang des Kirchenschiffs den offenen Eingang an, während ich kurz zurückbleibe. Am nassen, dunklen Grab dieses alten, massiven Bauwerks explodieren die Emotionen in alle Richtungen, angefangen von Wertschätzung und Ehrfurcht bis hin zu Trauer und Wut.
Im Leib des Kirchenschiffs angekommen, schalte ich den Strahler auf seine höchste Stufe, die alles in ein gespenstisches Leuchten versetzt. Eigentlich habe ich bereits davon Aufnahmen gesehen und weiß, dass alle Überreste inzwischen komplett verschwunden sind. Trotzdem starre ich ganz entsetzt auf das Bild, das sich peu á peu der Dunkelheit entblößt, wenn mein Lichtkegel es einfängt.
Die zerfledderten Gewölberippen des Chors lassen den Raum wie die ausgeweidete Hülle eines einst so stolzen, großen Wesens erscheinen, das schwierige Jahrhunderte überlebt hat bis eine gefräßige Meute es zurückgelassen vorfand. Diese fiel unerbittlich so lange über es her, bis es besiegt zu Boden sank.
Deshalb hoffe ich, dass mein Lichtstrahl, während er sich durch die Leere schraubt, auf einen winzigen, intakten Gegenstand trifft, den die Meute übersehen hat. Doch hinter jedem Stück Dunkelheit hält sich wieder nur der kulturleere Raum versteckt. Jetzt wird auch mir bewusst, dass alles unwiederbringlich verloren ist. Hier ist nichts mehr von geschichtlicher Bedeutung aus jener Zeit zu finden, als diese Raumdecke sich wie eine schützende Hand über den mit bemalten Tafeln verzierten Altar beugte. Neben dem Altar schmückte in gleicher Weise das Chorgestühl diesen Teil der Stätte. Dem Chor, als Mittelpunkt des Gotteshauses, schenkten die Gläubigen ihre meiste Wertschätzung, übten sich im Gebet und Gesang, sowie auch in Zuversicht. Ferner spielte während der Liturgie auch die Kanzel eine bedeutende Rolle. Doch das, was die Kulturvernichter von der Kanzel übrigließen, liegt hier, wie ein abgebrochener Zahn eines Seeungeheuers, darbend am Boden.
Ich verringere meinen Abstand zu Alex, der mit nach unten weisendem Zeigefinger einen Vollkreis mimt und mir zu verstehen gibt, das Gemäuer zu umrunden. Behäbig drehe ich mich mit meinem Equipment um die eigene Achse, indem ich gleichzeitig das Ausleuchten der Westseite des Kirchenschiffs fortsetze.
Diesen Teil des Saales umrandete einst eine U-förmige, hölzerne Empore. Eine Treppe führte in das Obergeschoß, wo eine schöne Orgel, die sich farblich in blau und grün an die Empore anpasste, ihren stolzen Platz hatte. Weiteres sakrales Inventar sowie Möbel, die ebenfalls in Muster und Farbton mit jenen der Empore harmonierten, befanden sich im Erdgeschoss, das mit einem Holzboden ausgestattet war. Auf diesem waren zahlreiche Bänke räumlich angeordnet, die erahnen lassen, dass dieses Gotteshaus einst gut besucht war.
All diese alten Kostbarkeiten, die sich in Bares umwandeln ließen, sind inzwischen spurlos verschwunden. Surreal, wie aus einem Katastrophenfilm entsprungen, erfasse ich den geschändeten Saal, dessen Holzboden aufgerissen, entfernt und wahrscheinlich verfeuert wurde. Die Fläche gleicht einem Graben in den herausgebrochene Mauerteile und zerschlagene Wand- und Treppenstücke versenkt wurden. Aus Furcht ich könnte dem Raum noch mehr Schmerz zufügen, lasse ich das Licht nur zaghaft über die offenen Wunden gleiten, die Fenstern, Türen und Empore hinterließen, als sie gewaltsam aus dem Fleisch der Wände herausgerissen wurden. Fassungslos starre ich auf diese brutale Kulturrodung, die mir in dieser Form bislang fremd gewesen ist.
Plötzlich ist Alex verschwunden, der bis jetzt in meiner Nähe alles gründlich und detailliert mit seiner Kamera festgehalten hatte. Die Sicht ist immer noch klar, weil wir nichts berührt oder aufgewirbelt haben. Ich steuere auf eine seitliche Nische zu, aus der schwache Blitzlichter zucken. Alex deutet auf ein Loch in der Mauer, dessen Schwärze mein Strahler gleich auffressen soll, während er die Kamera möglichst weit hinten in den Hohlraum positioniert. Das Loch ist groß genug, damit ein schmächtiger Mensch gerade noch hindurchpasst. Scheinbar haben die Eindringlinge das massive Gemäuer nach verborgenen Schätzen durchsucht, weil der Saal weitere Löcher aufweist, die absichtlich und ohne ersichtlichen Sinn in das Baudenkmal geschlagen wurden.
Indem ich meine Zeigefinger mit geschlossenen Fäusten einander umkreisen lasse, gebe ich Alex zu verstehen, dass ich den Platz gerne tauschen möchte, sobald er mit Fotografieren fertig ist. Viel Bewegungsfreiheit bietet die Nische nicht, so schaffe ich es gerade noch, mich bis auf Bauchhöhe in das Loch zu dehnen, um alles von innen zu betrachten.
Es handelt sich um einen Raum, der zwischen zwei Mauern liegt, die parallel verlaufen mit ca. 1 Meter Abstand voneinander. Als ich die Tiefe ausleuchten will, merke ich, dass ich oberhalb des Bleigurts an der kalten Mauer hin und her scheuere. Sofort schwingt sich, wie der milchige Rauchschweif einer ausgeblasenen Kerze, Sediment empor.
Das Tageslicht blendet mich und ich erkenne die hohe Decke meines Pensionszimmers. Ich muss wohl vor Erschöpfung im Sessel eingeschlafen sein, während ich über den Spruch auf dem Foto sinnierte:
„Diesem dem dreieinigen Gott geheiligte Haus
ist im Jahre unseres Heylandes Jesu Christi
1481 anfänglich aus dem Grunde angelegt.
1515 In einen vollkommenen Tempel erbaut.
1599 In den woywodischen Unruhen verbrannt.
1631 Am verfallenen Gewölbe verbessert.
1741 Zur Verherrlichung der Ehre Gottes erneuert worden.“
Ich springe auf, klopfe erst oberhalb des Gürtels alle hellen Mauerreste aus meinem Shirt, dann schnappe ich mir das Smartphone. Ich will sofort wissen, ob die Fotos heute in Dobring gut geworden sind. Die Welt sollte erfahren, dass sie noch steht – draußen, auf der Anhöhe, verlassen…

Blick auf den Chor – Veränderung innerhalb von 9 Jahren

Blick auf die Empore / Orgel – Veränderung innerhalb von 9 Jahren

Zustand der Kirchenburg in Dobring am 17.08.2018

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