Vom Büchermachen

Michaela Nowotnick

In der Zeit, als ich meine Doktorarbeit zu Eginald Schlattners literarischem Werk schrieb, entstanden auch die beiden Bände Mein Nachbar der König und Odem, die im Frühjahr 2012 im Schiller Verlag Hermannstadt/Bonn erschienen sind. Ein Auszug hieraus hatte sich im Rumänienadventskalender 2013 versteckt. Die Geschichte dahinter, die ja oftmals mindestens ebenso spannend wie das eigentliche Werk ist, soll hier erzählt werden.
Anstoß zu den beiden Bänden gab ein Fund im Wohnhaus Eginald Schlattners, wo ich damals oft tätig war, um seinen Vorlass, seinen Nachlass zu Lebzeiten zu übernehmen. Seine Manuskripte, Tagebücher, Briefe und andere Dokumente, die sich im Laufe eines langen Lebens in Kisten und Mappen, in Regalen und Schränken angesammelt hatten, wurden vor Ort provisorisch katalogisiert, verpackt und in das Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A.B. nach Sibiu/Hermannstadt gebracht, um dort erschlossen zu werden.
Bei einer dieser Übernahmen stand plötzlich ein lederner Koffer in der Ecke des damaligen Archivzimmers, der sogenannten Drachenkammer. „Was haben Sie dort?“, rief der Autor, als ich Bündel um Bündel mit Manuskripten, viele mit Stempeln versehen, aus dem Koffer zog und auf einem Lotterbett auslegte. Unmittelbar erkannte ich, dass es sich hierbei um bislang verloren geglaubte Manuskripte handelte. Manuskripte mit Erzählungen, die ab 1956 geschrieben worden waren, als Schlattner begonnen hatte, literarisch zu arbeiten. Auf Grund seiner Verhaftung und Verurteilung in einem politischen Prozess, konnten die Texte im kommunistischen Rumänien nicht erscheinen. Der aufgehende Stern Schlattners am rumäniendeutschen Literaturfirmament verglühte, noch ehe er überhaupt richtig sichtbar geworden war.
Die schon vom rumänischen Staatsverlag für Literatur und Kunst zur Veröffentlichung vorgesehenen Texte Schlattners wurden kurzerhand aus dem Verlagsprogramm genommen. Auch später, schon längst aus dem Gefängnis entlassen, blieb ihm, dem politisch Vorbestraften, die rumänische Verlagslandschaft verschlossen. Vor mir lagen nun die einmaligen Manuskripte, die Schlattner im Zuge seiner Verhaftung weggenommen, ihm aber später wieder ausgehändigt worden waren.
Leider hatten wohl auch die Mäuse den unschätzbaren Wert der maschinengeschriebenen Seiten erkannt, und sie fein säuberlich an den Rändern benagt. Glücklicherweise war noch so viel übrig, dass an die Herausgabe der Texte gedacht werden konnte. Das Projekt war geboren, der Autor einverstanden, der Verlag in Hermannstadt gefunden. Was nun noch fehlten war die endgültige Auswahl und der Titel. Ein Lesebuch verlassener Texte, aufgespürt von Michaela Nowotnick gefiel dem Autor immens, der Herausgeberin nur bedingt. Weitere Vorschläge folgten:

Autor:Findbuch, nennen wir es Findbuch, Sie haben die Texte ja immerhin gefunden.“
Ich: „Das geht nicht, das ist ein belegter Begriff aus der Archivwissenschaft.“
Autor: „Das weiß doch außer Ihnen und diesen Archivschnorcheln niemand.“

Schweigen von Seiten der Herausgeberin.

„Mein letztes Wort, wir nennen es Ein Fundbuch verlassener Texte. Dann ist es nicht das Findbuch, aber zeigt doch die Fundsituation. Warum sagen Sie denn nichts dazu?“

Ja, warum wohl ...
Die entscheidende Runde der Titelverhandlung erfolgte an einem Hochsommertag im südlichen Siebenbürgen, unweit von Hermannstadt. Strahlender Sonnenschein sickerte durch die Zweige der Obstbäume im Pfarrhof von Vurpăr/Burgberg, den wir damals gemeinsam mit Freunden gemietet hatten. Dem mittlerweile verzweifelten Aufruf des Buchgestalters („Tu doch etwas, wir brauchen einen Titel für die Verlagsvorschau!“), folgte die Verabredung von Autor und Herausgeberin im Garten des Autors, der sich im nahe gelegenen Roșia/Rothberg befand.
Zur gegebenen Stunde rollte ich mit dem Auto den steilen Hang des Dorfnamen prägenden Burgbergs in den Ort hinab. Auf der staubigen Straße hielten mich fünf kleine Mädchen an: „Nimm uns ein Stück mit, nur bis zum Dorfausgang, dort feiert eine Freundin Geburtstag.“ So einen Auftritt kann man natürlich niemanden verweigern, die Türen öffneten sich. Binnen weniger Sekunden war der Wagen in Beschlag genommen und wurde gründlich inspiziert: „Darf ich die Brille aufsetzen?“, „Kann ich auch mal lenken?“, „Wie ist es in Deutschland?“
Ich versuchte mich schlecht und recht zu behaupten und Kinderhände abzuwehren. Nach nur wenigen Metern allerdings nahm ich den Fuß vom Gaspedal und trat stattdessen die Bremse durch, um ein Schauspiel zu beobachten, das das Örtchen noch nicht erlebt hatte. Mir entgegen kam ein Porsche Cabriolet, dem die Dorfbewohner ungläubig nachsahen. Im Sportwagen fahrend der Buchgestalter, neben ihm sitzend der Autor, letzterer bekleidet mit Schiebermütze und rotem Schal, der gekonnt im Wind hinter ihm wehte.
Durch mein heruntergekurbeltes Autofenster steckte ich den Kopf nach draußen, flankiert von fünf Mädchenköpfen, die versuchten, sich daran vorbeizupressen. Der Buchgestalter kam neben mir zum Stehen und rief: „Ich dachte, wir machen das in Deinem Garten, ist ja auch nett hier und die Strecke so schön zum Fahren.“ Der Autor gab zu bedenken: „An einem Wegkreuz dachte ich, wie gut wenn wir jetzt stürben, niemand müsste extra ein Kreuz aufstellen.“
Wo sie hin müssten, wussten die beiden Herren, immerhin war der Autor lange Zeit Pfarrer in Burgberg gewesen. Ich würde gleich kommen, rief ich dem abfahrenden Cabriolet hinterher, erst müsse ich die Kinder noch zur Geburtstagsfeier bringen. Deren Ankommen war ein Auftritt, wurde mit großem Hallo begrüßt, zumal sie ganz unmittelbar vom rasenden Sportauto und ehemaligen Schiebermützenpfarrer erzählen konnten.
Zurück am Pfarrhaus durchschritt der Autor und einstige Pfarrer von Burgberg schon die dortigen Räumlichkeiten und suchte einen würdigen Rahmen für die kommenden Verhandlungen, in denen ja immerhin der Titel seiner nächsten Publikationen festgelegt werden sollte. Wo der Salon sei, richtete der Autor sich an mich, eine Frage, der ich nur mit einem leichten Schütteln des Kopfes entgegnen konnte. Natürlich hatten wir keinen Salon, waren ja froh, das Wasser nicht mehr aus dem Dorfbrunnen holen zu müssen und einen provisorischen Herd zu besitzen. Zudem waren sämtliche Zimmer mit Luftmatratzen, Schlafsäcken und Rucksäcken von mehreren Sommergästen belegt, die sich im weitläufigen Garten aufhielten.
Der Vorschlag zur Güte hieß, dass wir einen Tisch unter die Apfelbäume stellten. In sanft geschwungenen Hügeln, unweit des deutschen Friedhofs, wurde nun verhandelt. Über Honorare natürlich, Lektorat, Umfang und ... über den Titel. Und erst jetzt bemerkte ich, welch grandiose Idee der Gestalter gehabt hatte. Dem Autor, abgelenkt durch Milchcafé, Sommergäste und einem Äpfel jagenden Hund, war der Titel mit einem Mal völlig unwichtig. Auch zur Textzusammenstellung, über die wir zuvor erbitterte Kämpfe geführt hatten, hieß es: „Nehmen Sie nach Belieben, Sie haben ja beide einen Ruf zu verlieren.“
Und so kam es, dass binnen einer halben Stunde das geklärt wurde, was zuvor ein halbes Jahr gärte: Ich durfte mich mit Segen des Autors nun Herausgeberin nennen, das Fundbuch war Vergangenheit und auch die Texte mit Anleihen an den Sozialistischen Realismus durften aufgenommen werden.
Seit diesem Erfolgserlebnis ging es steil und motiviert bergan. Nachdem alle Schreibmaschinenseiten in Textdokumente umgewandelt worden waren, erhielt der Autor sie zur Durchsicht. Veränderungen sollten, wenn möglich nicht vorgenommen werden, so dachte ich mir, und musste dabei recht häufig zwischen dem jungen und dem alten Autor vermitteln.
Autor: „Mein Gott, was wollte er damit sagen?“
Ich: „Aber der Text ist doch von Ihnen.“ 
Autor: „Keine Rede, das ist über 50 Jahre her, ich bin heute ein völlig Anderer.“

Besonders deutlich fielen die meist vernichtenden Antworten auf meine sprachlichen Einwände aus.
Ich:Volan müssten entweder Sie im Text oder ich in einer Fußnote erklären.“
Autor: „Im Leben hier keine Fußnoten!“
Ich: „Gut, dann im Anhang.“
Autor: „Im Leben nicht, das ist ein allgemein verständliches Wort.“

Der Autor ging ins Nebenzimmer, holte ein recht abgegriffenes Buch und suchte.
Autor: „Sehen Sie, ich habe es gewusst! Hier im Sprachbrockhaus steht es: Volan, Lenkrad im ungarischsprachigen Raum. Da kann auch der Leser nachsehen, wenn er ein so bedeutendes Wort nicht kennt.“
Ich: „Aber, der Brockhaus ist von 1968.“

Der Autor sprang auf, holte ein weiteres Buch, zusammengehalten von Paketklebeband.
Autor: „Sehen Sie, auch hier!“ und zeigte freudig in den Sprachbrockhaus von 1929.

So wird diskutiert und lektoriert. Ich versuche nebenbei zu dokumentieren und Informationen über die verschollen geglaubten Texte einzuholen. Eine sehr spannende Aufgabe, wenngleich mühselig. Kaum etwas ist belegbar, vieles weiß man nur vom Hörensagen.
Ein Bekannter des Autors: „Ja, er hat den Text vorgelesen, hier im Literaturzirkel.“
Ich: „Wie schön, gibt es Belege? Ein Plakat, ein Zeitungsbericht, eine Notiz in den Akten des Kulturhauses, eine Einladung?“
Bekannter: „Nein, natürlich nicht, es war ja inoffiziell.“
Ich: „Und, wo soll ich das nun nachschlagen?“
Bekannter: „Sie müssen es nicht nachschlagen, ich sage es Ihnen ja.“
An dieser Stelle lernte ich einen mich bis heute prägenden Satz: Wissenschaft in einem Land zu betreiben, in dem alles auch Geschichte ist, ist zwar sehr aufregend, die Beweisführung hingegen kann mitunter recht mühselig sein.
Erfreulicherweise einigten wir uns auch noch auf die Cover der Bände und schafften es sogar eine kleine Lesereise nach Deutschland, unter anderem zur Leipziger Buchmesse, zu organisieren. Die erste Auflage der Bücher konnte genau einen Tag vor dem Beginn der Lesereise an mich ausgeliefert werden. Hier lernte ich einen zweiten Satz: In Rumänien klappt nie etwas von aller Anfang an, aber letzten Endes fügt sich alles. Mit diesen Erkenntnissen, soviel sei dem Besucher des Rumänienadventskalenders und den Rumänienneubesuchern an die Hand gegeben, kann einem zwischen Arad und Vama Veche eigentlich nichts mehr passieren.
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