Von der Einwanderung der Deutschböhmen

ausgesucht von Richard Kreiling
Bilder gemalt von Béla, 8 Jahre aus Beilrode
Das Böhmen war überfüllt. Die Leute durften nicht mehr heiraten, nur die, die Grund und Haus hatten, und da gab es viele uneheliche Kinder. Sie waren Instleute; sie arbeiteten ums Essen und ums Gewand. Auf einmal ist der Ruf gekommen, im Banat wird angesiedelt, und da haben sie sich halt aufschreiben lassen.
Sie schickten zwei hierher zum Anschauen. Sie waren nicht ins Blinde gegangen. Aber sie wurden betrogen! Man führte die zwei nur bis Karansebesch und zeigte ihnen das Land. Wie sie dann zurückgekommen waren, sagten sie, da ist es so gut, da läuft der Honig von den Bäumen herunter. Derweil, wie sie hergekommen sind, haben sie die Holzhütten gefunden und den Wald!
Sie hatten am Anfang kleine hölzerne Häuser mit winzigkleinen Fensterln. Auf der einen Seite war das Vieh und auf der anderen der Eingang ins Zimmer. Sie hatten noch keine Fußböden, der Ofen war gemauert, und statt Nägel hatten sie Steine auf dem Dach. Der Stock von einem abgeschlagenen Baum war ihr Tisch.
Sie erhielten vom Kaiser Löhnung, sechs Kreuzer am Tag, und mußten im Kordon an der Grenze Dienst machen. Mit den Rumänen konnten sie sich nur schwer verständigen. So gingen sie nach Tirnowa um Kukuruz. Die Tirnowaer sagten: „Nu-s.“ Da haben unsere gemeint: „Nuß tät ma kräigen, ober koan Kukuruz.“
Sie mußten das Holzschlagen erst von den Italienern und Kroaten erlernen. Aber wenn sie auch die Bäume abgeschlagen hatten, die Stöck und die Wurzeln blieben doch in der Erde zurück, und sie konnten nicht anbauen. Sie konnten hier nicht leben. Sie gingen zur Kompanie nach Slatina und beschwerten sich, aber da kriegten sie Arschprügel und mußten Gassen laufen. Nach einer Zeit versuchten sie es wieder und gingen noch einmal zur Kompanie. Doch einer war nicht gleich in den Kompaniehof hineingegangen. Jetzt drohten sie ihnen: jeder zweite Mann wird erschossen. Der Mann, der draußen geblieben war, hörte dies, lief nach Hause und alarmierte die Weiber: „Enkari Manner wern daschoissen!“ Da nahmen die Weiber Prügel und zogen zur Kompanie; sie wollten ihre Männer frei haben! Es war ein großer Krawall; zuletzt wurde ihnen erlaubt, sie könnten absiedeln.
Dann sind sie gewandert nach Moritzfeld auf die Ebene, aber hier waren Viehseuchen und die Malaria, und das Wasser hat ihnen nicht gut getan. Da haben sie gesagt: „Gehn ma läiwer zruck in unsern Wald, da haben ma Ierdäpfel so grouß wie die Fatschenkinder und a guats Wossa!“ So sind sie halt zurück gekommen, aber nicht alle.
Und wie sie über den Berg gekommen sind und ihre Hütten wiedergesehen haben, da hat meine Mutter geweint. Und meine Großmutter hat halt immer nach Böhmen lamentiert. Sie hat nicht bleiben wollen, sie hat da nicht sterben wollen! Mein Vater hat an ihren Bruder nach Böhmen geschrieben, ob er sie annimmt. Zur Heuzeit ist die Antwort gekommen: ja, sie kann kommen. Aber sie war damals schon krank, hat nicht mehr fahren können, und im Herbst ist sie gestorben, mit der Sehnsucht im Herzen.
aus: Alexander Tietz: Märchen und Sagen aus dem Banater Bergland, 2. Auflage, Kriterion Verlag Bukarest, 1976
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