Viel Lachen und ein kräftiges Herz – zu Besuch
bei Katharina Krech in Hamlesch/Amnaş

von Angelika Beer

Herbst in Hamlesch/Amnaş, neblig, düster und nachmittags schon fast dunkel. 25 Kilometer westlich von Hermannstadt, hinter einem Wald und einen Hang hinab, da liegt es: ein Dorf mit zwei Autobahnausfahrten und doch wie in einer anderen Welt für mich, die ich aus der wuseligen, großen und hell beleuchteten Stadt hier ankomme.
Gegenüber vom Brunnen: ein stattliches Haus, aber alle Fensterläden sind verschlossen. Noch bevor ich klopfen kann, da öffnet sich das Türchen, der Besuch wird schon erwartet.
Aus dem Hof tritt Katharina Krech und bittet fröhlich herein. Wie immer akkurat gekleidet und das Kopftuch sitzt. Vor vier Jahren habe ich sie bei einem Gottesdienst gesehen und ihr offenes Gesicht, ihre leuchtenden Augen, bei denen man denkt, der Himmel schaut einen direkt an, sind mir gleich aufgefallen. „Besuch mich einmal“, hatte sie damals gesagt. Und von ihrer Trachtensammlung habe ich gehört.
Durch den Hof und die muckelig warme Küche geht es gleich in die gute Stube hinein, die mit den Fenstern zur Straße. Wie ein kleines Schatzkästchen tut sich eine Sammlung auf, eine Art Familien- und Dorfmuseum, geschützt im Dunkeln. Gestickte Polster und Wandbehänge, von ausgewanderten Familien übernommene Bänke, Schränke, Stühle, selbst genähte und bestickte Decken, bemalte Teller, Teedosen und Tonkrüge. „Wie die Tage, so die Kraft“ steht auf einem Polster und einige Male an diesem zauberhaften Nachmittag wird Frau Krech das auch sagen: „Wie die Tage, so die Kraft.“
Und auch das mit „Gott ist Liebe“ bestickte Tuch hängt nicht zufällig über einem Fenster, das von außen mit dem Fensterladen verschlossen ist. Die Kraft einer Liebe zum Leben ist spürbar in diesem Haus, in jedem Raum und in der wunderbaren Frau Krech.
85 Jahre alt ist sie, wenn man sie fragt, sagt sie 86 und auch das stimmt, weil sie im 86. Lebensjahr ist. Und lachen kann sie wie ein junges Mädchen. Die Kommoden, die sie von Nachbarn übernommen hat, sind auch etwa so alt (oder so jung) wie sie. Aus einer anderen Zeit, aus der auch Bilder an den Wänden hängen, von der Tante und dem Onkel in stolzer Tracht und von der Hausherrin selbst, als sie als junge Frau in Hunedoara, einer Stadt 100 Kilometer weiter westlich, gelebt hat.
Die Kommode wird geöffnet, Frau Krech packt aus: Maschen aus schwarzem Samt, bestickt mit bunten Blumen, kommen zum Vorschein, Westen, Röcke und Unterröcke. Dies haben die Frauen am Sonntag getragen, das andere nach der Kirche. Blau, als die Frauen Mütter wurden und Rot davor. Und überall Blumen, Lebenskraft und Lebenssaft.
Sie erzählt und lacht und sagt „Was soll man?“, macht munter weiter mit Auspacken und Einpacken und freut sich einfach über das, was ist.
Eine Trachtenweste für den Alltag, selbst genäht und bestickt.
Ein Unterrock mit glänzend roter Borte, fesch und wie neu.
Zurück in der Küche, die auch Schlaf- und Wohnzimmer ist und geheizt wird.
Auf dem Küchentisch wird ein weiterer Schatz aufgetan: Eine Monografie über Hamlesch – das, was Frau Krech in der Stube hat, als Buch. Sie blättert hin und her, zeigt Fotos vom Dorf, von den drei Straßen, von den Familien, den Trachten und „die alten Leute“. Ich muss sehr schmunzeln, denn „die alten Leute“, für Frau Krech sind das die anderen.
Weiter geht es mit einer sehr alten Bibel, in der sie blättert und die Bilder darin zeigt: „Dann weiß ich immer, was der Pfarrer predigt.“ Jetzt ist sie diejenige, die schmunzelt.
Kaffee und Kuchen wird von einem Nebentischchen geholt, auf dem schon alles vorbereitet war: eine große Thermoskanne mit Kaffee, daneben Tassen und Teller mit Löffelchen und Serviette darauf, stilvoll und genau. „Ich hab doch alles hier. Zwei Geschäfte gibt es. Es regnet und die Sonne scheint. Was will man mehr?“ Sie fängt an zu erzählen, von ihrem Mann, der vor 35 Jahren verunglückte und von ihren Söhnen. Alle sind sie auf Fotos an den Wänden bei ihr, nicht in der Stube, sondern alle in der Wohn-Schlaf-Küche von Frau Krech. Und diese Küche wirkt nicht einsam, sondern sehr beseelt und bewohnt. Der Jüngste kommt zu Weihnachten auf Besuch und schaut, was am Haus zu reparieren ist. In Hermannstadt hat er sich eine Wohnung gekauft, für sich und seine Familie, denn die Stube ist ja voll.
Frau Krech taucht ab in ihre Erinnerungen, erzählt und erzählt. Dass sie einmal in Deutschland gewesen ist und ganz blass zurückgekommen sei, das habe ihr nicht gut getan. Und dort würde man sie gleich ins Altenheim stecken, das will sie nicht. So lebt sie hier auf ihrem Hof, versorgt die Hühner, die Hündin Camelia und eine Katze und hat es gut.
Zum Schluss zeigt sie noch ihren wirklichen, innigen Schatz: ihre Liederbücher mit den Liedern, 87 kann sie auswendig. Wieder fängt sie an zu blättern, sucht ein ganz bestimmtes Lied, nimmt das eine Buch in die Hand und dann ein anderes. Überall sind nur die Texte drin, die Melodien hat Frau Krech alle im Kopf. Die unteren Ecken der alten Bücher und Hefte sind ganz abgegriffen, so viel werden und wurden sie benutzt. Im fünften Heft schließlich findet sie, was sie gesucht hat.
„Lasst die Herzen immer fröhlich und mit Dank erfüllet sein. / Denn der Vater in dem Himmel nennt uns seine Kinderlein. / Immer fröhlich, immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein. / Voller Schönheit ist der Weg des Lebens, fröhlich lasst uns immer sein“ singt sie und singt doch nicht für den Besuch, nicht für ein Publikum, sondern wie für sich in ihrem beseelten Haus und geht ganz auf in diesem Zusammenspiel von Melodie und Text.
Dass ihre Lieder und vielleicht gerade dieses Lied sie getragen und begleitet haben durch Täler und Schatten im Leben, wird mir nach dem Besuch erst klar. Als ich die Fotos durchsehe und die Kamera nicht nur das frische Lachen aufgefangen hat, sondern auch Nachdenklichkeit und Traurigkeit. Fragend, wie ein Blick Richtung Himmel. Und doch geprägt von einer Heiterkeit, die nicht aufgesetzt ist, die voll und ganz von innen kommt.
Einmal angefangen, kann sie kaum aufhören zu singen, aus diesem Buch und aus einem anderen. Und noch ein Lied aus einem anderen.
Draußen wird es jetzt wirklich dunkel, zum Abschied vor dem Tor gibt es eine herzliche Umarmung und einen ordentlichen Kuss auf die Wange. Von Herzen. Ihre Wangen leuchten rot und fröhlich, mein Herz ist offen, heiter und weit. Als hätte ich gerade einen Engel besucht, eine Himmelsbotin auf Erden.
Auf dem Weg zurück, den Hang hoch, durch den Wald und Hamlesch liegt hinter uns. Der Abendhimmel leuchtet in schönstem Blau und hier könnte die Zeit still stehen. „Was will man mehr?“ höre ich Katharina Krech sagen. Und lachen.
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