Weihnachtsbräuche von Daheim in Sanktanna in den 50er Jahren

von Katharina Emeneth

Mein Heimatort Sanktana / Sântana liegt 20 Kilometer nördlich der Kreisstadt Arad im Westen von Rumänien und ungefähr 15 Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt. Seit 1751 leben in dieser Region Banater Schwaben, zu denen ich auch gehöre, ehemals ausgewandert aus dem Kraichgau.
Auch damals gab es in der Vorweihnachtszeit den Advent mit seinen vier Kerzen und dem Adventskranz. Der Unterschied zu heute, wo jeder Haushalt seinen eigenen individuellen Adventskranz daheim aufstellt, mit besonderem Schmuck und Farbe, war der, dass es zur Zeit meiner Kindheit nur einen einzigen großen Adventskranz in der Kirche gab. Darauf befanden sich vier rote Kerzen, die nach und nach angezündet wurden.
In der Adventszeit hat uns unser Pfarrer, Pater Clemens, dazu ermutigt zur Rorate zu kommen. Das war eine morgendliche Gebetsstunde noch vor Schulbeginn. Obwohl es noch stockdunkel draußen war und oft bitter kalt, folgten wir seinem Ruf und beteten oft eifrig mehrere „Vaterunser“. Danach haben wir in die große Holzkrippe am Hochaltar noch einen Strohhalm legen dürfen, damit das Jesuskind auch weich liegen kann.
Im Advent gab es in jedem Haus eine Schweineschlachtung. Das war ein Höhepunkt des Jahres und ein Garant für Wohlstand für das ganze Jahr. Zur damaligen Zeit zeigte jeder Hausherr seinen Gästen voller Stolz ein oder zwei fetten Schweine im Stall. Diese garantierten die Versorgung mit Fleisch, Speck, Schinken, Schmalz und Würsten. Diese Selbstversorgung war sehr wichtig, zumal die Geschäfte in der kommunistischen Zeit doch eher mit leeren Regalen glänzten. Bei der Schweineschlachtung halfen alle mit, Jung und Alt, Groß und Klein. Nach getaner Arbeit gab es den Sautanz mit dem Lied : „I hab ghährt dir hät gschlacht, dir hätt krumme Wärtschtlä gmacht!“ Das sangen meist die Kinder, die ein Blech hereintrugen mit dekorierten Schweinsfüßen, Ohren, Rüsseln und Schwänzchen. Das gemeinsame Nachtmahl mit mehreren Blechen frischer Bratwürste und einem riesigem Laib Brot, dazu selbstgemachtem Wein war ein super Familienfest.
Genau wie heute haben die Frauen auch damals süße Plätzchen im Advent gebacken, jedoch konnte man die Zutaten nicht einfach einkaufen. Wochen davor musste man sich in den Lebensmittelgeschäften, auch in der nahen Stadt Arad, anstellen um Zucker, Butter, Zimt, Anis und Vanille zu ergattern. Zitronen und Orangen waren schon echte Raritäten. Die Nüsse vom eigenen Baum hat der Vater am Abend in der warmen Stube aufgeklopft und die Großmutter hat mit den Kindern die Nusskerne ausgehöhlt und in einer kleinen Schüssel gesammelt.
Damit haben unsere Mütter und Großmütter Nussstangen, russische Nusspita, Honigplätzchen, Salagadekipferl und auch Nachtpusserl gemacht. Im Geist sehe ich noch meine Großmutter, wie sie auf einem Stuhl saß, die braune Schüssel auf den Knien und stundenlang geduldig den Teig für die Nachtpusserl rührte.
In den letzten Tagen vor Weihnachten kam eine kleine grüne Tanne in unser Haus. Gehalten von einem einfachen Holzfuß stand er immer auf dem Tisch oder einem niedrigen Schubladschrank in der kalten Stube. Damit er sich frisch hält und nicht zu früh seine Nadeln verliert. Ein Muss war der Salonzucker in seinem farbig glänzenden Alupapier. Mit Hilfe von Zwirnfäden haben wir diese Süßigkeiten einzeln an den Baum gehangen. Zusammen mit Zuckerringen, Nüssen und paar echten Glaskugeln. Die echten Wachskerzen und der Watteschnee vollendeten den Schmuck des Christbaums.
Am Heiligen Abend versammelten wir uns alle vor dem Baum und warteten auf das Christkind. Dazu sangen wir Kinder ein Lied: “Liebes Christkindlein, teures Christkindlein komm herein, komm herein, bring uns schöne Sachen, mach uns alle lachen, komm zu uns!“ Das wiederholten wir solange, bis wir von draußen ein Geräusch hörten. Das war meistens ein Gerassel mit einer Kette. Dann kam es endlich herein, das weiß verhüllte Christkind. Befragte uns nach unseren Leistungen und auch Missetaten. Fürs Christkind haben wir Gedichte aufgesagt und bei Verfehlungen Besserung versprochen. Meistens hatte es auch eine Rute dabei, vor der sich die meisten Kinder zu Recht fürchteten. Nach einigen Weihnachtsliedern bekamen die Kinder kleine Geschenke. Das waren rotbackige Äpfel, Nüsse, ein Kranz getrocknete Feigen, Zuckerstangen und eine Lebkuchenpuppe mit Spiegelstein. Von unserer Taufpatin bekamen wir jedes Jahr ein Säckchen mit Orangen und Süßigkeiten. Darauf mussten wir jedoch bis Neujahr warten.
Nach der Bescherung saßen wir um den Tisch in der warmen Stube. Die Mutter las etwas vor oder wir spielten zusammen mit den Eltern Karten oder ein Brettspiel. Manchmal gab es auch echte Geschichten. Da erzählten die Großeltern, dass durch die bittere Kälte Wölfe bis in die Ortschaft kommen um sich was zu fressen zu holen. Wenn also nachts die Hühner unruhig wurden, konnte man ahnen, was los war.
Kurz vor Mitternacht zogen wir alle: Vater, Mutter, Kinder und Großmutter zur Christmette. Die Großmutter schwenkte die Petroleumlampe in ihrer Hand und leuchtete uns den Weg durch die stockdunkle Nacht. In der Kirche waren alle Kerzen an und viele bekannte Weihnachtslieder wurden gemeinsam mit der Orgel und den Bläsern gesungen. Alle haben die Frohe Botschaft des Engels gehört und erfahren, dass gerade heute Nacht das Jesuskind im Stall zu Bethlehem geboren wurde.
Nach der Mitternachtsmesse spielten die Blasmusiker der Gemeinde draußen vor der Kirche noch einmal: "Stille Nacht, Heilige Nacht“ und zwischen dem sichtbaren Atem der Menschen war ein Gefühl der Zufriedenheit, Dankbarkeit und Zusammengehörigkeit.
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