Mit dem Fahrrad ans Schwarze Meer

von Hans-Ulrich Schwerendt und
Dr. ret. nat. Michael Kühn

Am 21.Juli 1986 starteten wir von Karl-Marx-Stadt (diesen Namen trug Chemnitz in der DDR von 1953 bis 1990) mit unseren Fahrrädern Richtung Schwarzes Meer. Wir, das waren mein Bruder Georg, Hendrik - auch Mobbel genannt, Martin, unser leider viel zu früh von uns gegangener Freund Michael und ich. Fünf Wochen hatten wir Zeit, um das Schwarze Meer zu erreichen. Lange hatten wir uns auf die Reise vorbereitet. Michaels Vater war Ingenieur und hatte uns Spezialwerkzeuge hergestellt, um Ketten zu öffnen oder Ritzel abzuziehen. Auch hatten uns Freunde und Verwandte aus dem "Westen" Kettenblätter und Ritzel geschickt, da dies hier im Osten schwer oder nur in ungenügender Qualität zu bekommen war.

Ich will hier im Adventskalender den Teil unserer Reise durch Rumänien vorstellen.

Dieser sollte auf jeden Fall der kürzeste Teil unserer Tour werden. Keiner von uns kannte das Land. Aber uns wurden viele Gruselgeschichten erzählt, angefangen von leeren Geschäften, Diebstählen, Überfällen bis hin zu gelynchten Touristen. Die Liste dieser Erzählungen war lang und es war nicht eine positive Geschichte dabei.

Dass sich bis heute nichts an diesen Geschichten geändert hat, zeigt der Bericht von Stephan im Kalenderfenster Nummer 19. Wir wollten die ganze Strecke bis zum Schwarzen Meer mit dem Fahrrad fahren und deshalb mussten wir durch Rumänien durch. Der Eiserne Vorhang ließ keine andere Route zu. Wir suchten die kürzeste Strecke durch Rumänien aus.
Da wir immer wieder größere Reparaturen hatten, lagen wir mit unserem Reiseplan einige Tage im Verzug. Viele Speichenbrüche machten uns zu schaffen. 13 Tage nach unserem Start erreichten wir die ungarisch-rumänische Grenze. Ich kann mich genau an das mulmige Gefühl erinnern, welches Stephan ebenso in seinem Bericht beschreibt, als wir uns der Grenze näherten. Schon die kilometerlange Schlange von wartenden Autos vor dem Schlagbaum steigerte unsere Furcht und unseren Respekt erheblich. Aber wir hatten uns schon zu Hause Strategien für dieses Land ausgedacht! Sollte jemand mit einem Schaden liegenbleiben, dann stellen wir sofort alle Fahrräder zusammen und stellen uns schützend darum. Auf Empfehlung der "Rumänienkenner" fahren wir nur bis 18 Uhr. Nachts hält einer von uns immer abwechselnd Nachtwache. Mit diesem Maßnahmepaket standen wir dann vor der rumänischen Grenze.

Ab hier zitiere ich nun aus dem Reisetagebuch meines Freundes Michael, welches er nach der Reise auf der Schreibmaschine erstellt hat. Weil Michael verstorben ist und diese Zeilen nicht mehr lesen kann, widme ich ihm diesen Bericht als Erinnerung und danke ihm als Initiator dieser und noch vieler anderer schöner Reisen. Alle nun folgenden eingerahmten Texte sind aus seinem Tagebuch entnommen. Die Texte habe ich teilweise gekürzt.

Michaels Reisetagebuch

2.8.1986

19:30 Uhr ist alles wieder eingepackt und wir können Szeged wieder verlassen. Unsere Satteltaschen sind etwas voller als sonst, denn wir haben schon Reserveproviant für die Strecke durch Rumänien verstaut: Brote, Fischkonserven, Marmelade.

Wir fahren noch bis Mako und entschließen uns nun doch auf den Zeltplatz zu gehen. Mit ein paar freundlichen Worten und meinem ISB-Ausweis können wir hier für 15 Forint pro Nase übernachten. Ein Zelt bauen wir gar nicht erst auf, denn das spart uns Geld und Zeit. Jeder beeilt sich, in seinen Schlafsack zu kriechen, denn morgen wollen wir zeitig raus, um früh genug in Rumänien zu sein.

Mit gemischten Gefühlen, aber auch von heißer Freude erfüllt habe ich diesen Tag ersehnt, an dem ich das Land betrete, über das man so viel Erschreckendes gehört hat, in dem es solche sozialen Probleme gibt, aus dem mancher nicht mehr zurückgekehrt sein soll. Wir werden es morgen zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen.

3.8.1986

Die Sonne ist längst aufgegangen und als wir aufstehen ist es 6:00 Uhr. In Apátfalva frühstücken wir kräftig und stopfen unsere Gepäcktaschen so gut es geht mit Brot voll, es sind wohl 6 oder 7 Stück. Die letzten Forintmünzen werden ausgegeben und die Gemeinschaftskasse aufgelöst.

Kurz vor Nagylak treffen wir auf eine Autoschlange, die Grenze ist also nicht mehr weit. Martin will sich als letzter ordnungsgemäß hinten anstellen, aber wir fahren natürlich links an der 3 km langen Autoschlange vorbei bis vor zur Schranke, die geschlossen ist.

Die Uhr zeigt 10:30 Uhr. In Rumänien ist jegliche Protzerei fehl am Platze und ich mache meine Uhr vom Arm ab und hänge sie an den Brustbeutel. In diesem sind alle Papiere und auch Geldscheine doppelt sicher verstaut. Die Öffnungsklappe ist mit dicker Kordel verschnürt, jedoch so, dass man den Knoten nicht sieht. Um die Hüften trage ich einen alten einzelnen Hosenträger, dessen beide Enden am Brustbeutel links und rechts mit Clips befestigt sind. Das hat den Zweck, dass er erstens bei der nach vorn gebeugten Fahrhaltung nicht störend am Hals hängt und zweitens immer noch sicher an mir bleibt, wenn der Strick am Hals reißt oder gar durchgeschnitten wird. Jeder von uns ist in dieser Art ausgerüstet und man kann sagen, dass wir einigermaßen präpariert sind.

Doch wir sollen wohl noch eine Weile in Ungarn bleiben, denn die Schranke bleibt geschlossen, überhaupt bewegt sich außer Fußgängern an diesem Grenzübergang nichts. Die Leute, die neben uns in einem Auto sitzen, erzählen, dass sie seit 5:00 Uhr hier stehen und sich seitdem nichts gerührt hat. Ein weiterer Autofahrer aus der DDR weiß, dass die letzten, die durchgekommen sind 18 Stunden gewartet haben. Die Rumänen legen öfters mal eine Pause ein. Schöne Aussichten sind das und die Sonne wird immer unerträglicher.

Wir setzen uns an den Straßenrand und unterhalten uns mit zwei Lehrerstudenten aus Potsdam, als die Schranke langsam hoch geht. Wir stürzen wie besessen zu unseren Rädern. Zwischen weiteren Autoschlangen, die sich auch innerhalb des Grenzübergangs gebildet hatten schieben wir uns bis zur ungarischen Passkontrolle vor. Problemlos.

Weiter vorbei an den Kolonnen kommen wir auch zur rumänischen Kontrolle. Jeder muss seine Gepäcktaschen öffnen und angeben, was darin verstaut ist. Unsere Scheine, die bestätigen sollen, dass wir die Fahrräder auch wirklich eingeführt haben, werden abgestempelt und wir sind froh, dass wir nach etwa 2 Stunden Wartezeit in Rumänien sind.

Hans meldet eine Reparatur an. Gleich auf dem Parkplatz wechselt er den kaputten Schlauch und tauscht Vorderrad- und Hinterraddecke aus, denn letztere ist schon stark abgefahren. Das ist, so glaube ich, sein erster richtiger Defekt, bis hierher lief sein Rad, das er sich speziell für diese Tour mit großer Sorgfalt zusammengebaut hatte, tadellos.

Wir nutzen die Gelegenheit gleich und lösen unsere Schecks ein. Ein Schinkenomlett als Mittagessen und Mineralwasser dazu sind für die Verhältnisse hier sehr gut und preiswert. Als wir dann in Richtung Arad fahren, müssen wir feststellen, dass die Straßen hier nicht die beste Qualität haben. Der Unterschied zwischen jenen Ortschaften, die wir in Ungarn noch gesehen hatten und denen hier ist erschreckend. An der Straße stehen Kinder und rufen „Gummi, Gummi, male Gummi“. Die Landschaft ist hier auch sehr trocken, zum ersten Mal sehen wir ein Flussbett ohne Wasser. Auf den Feldern gedeiht nicht viel.

17:30 Uhr sind wir in Arad. Das Tagesziel, das wir uns am Morgen gestellt hatten, war Timişoara. Aber wir wollen kein Risiko eingehen und suchen den Zeltplatz in Arad auf. Dort bauen wir neben einer Holzhütte auf der fast völlig leeren Wiese unser Zelt auf. Nur drei Zelte stehen hier. Wir stapeln unsere Fahrräder nach dem bewährten Legetrick. Langsam wird es dunkel.

Als ich vom Duschen wiederkomme, verkündet Georg, dass es heute Geburtstagssuppe gibt. Richtig, morgen werde ich 19 und zwar in Rumänien und nicht in Bulgarien, wie dies der Zeitplan eigentlich vorsah. Als wir in der Dunkelheit die Gulaschsuppe schlürfen und jeder zwei minikleine Wiener – die besondere Überraschung – herausfischen darf, einigen wir uns über die Einteilung der Nachtwache. Mobbel beginnt und ich werde die letzte, die Morgenwache halten. Aller anderthalb Stunden ist Ablösung.

4.8.1986

Nur den Kopf strecke ich aus dem Zelt. Im Schlafsack ist es gemütlicher als in der kühlen Nacht, die bald zu Ende geht. Martin hatte mich für meine Nachtwache geweckt und nun liegt er neben mir und schläft schon wieder fest.

Es dämmert, ich hole Wasser und setze unseren „Donner“ - den Juwel 32 Benzinkocher – in Betrieb. Der Tee ist gerade fertig als die ersten verschlafenen Gesichter hervorkommen und mir gratulieren. Die erste Nacht in Rumänien verlief also ohne besondere Vorkommnisse.

Wir fahren nun auf demselben Weg wie am Vortag ins Stadtzentrum zurück. Plötzlich vermisse ich meine Sonnenbrille und mir fällt ein, dass ich sie gestern in der Rezeption habe liegen lassen. „Die ist fort“ sagen alle anderen! Doch ich will trotzdem danach fragen. Ohne ihren Schutz vor der Sonne und Straßenstaub würde ich große Probleme bekommen. Und ich habe Glück, prompt gibt sie mir der Mann zurück. Ein Lächeln hat er auf dem Gesicht. Strahlend erreiche ich die anderen und es kann weitergehen.

Umsonst versuche ich noch in einigen Läden Wein zu kaufen. Überall riecht es unangenehm und wir werden sicher von vielen Augenpaaren beobachtet. Umsichtig und vorsichtig zu sein, ist hier das oberste Gebot – Martin, Hans und Mobbel stehen um unsere eng aneinander gestellten Fahrräder. Georg geleitet mich bei meinem sonntäglichen „Einkaufsbummel“.

In einem Imbissstübchen kaufe ich Mohnkuchen und wir verlassen jetzt die Stadt. In mir bleibt ein schmutzig-graues Bild zurück, so eine Stadt wie Arad hatte ich noch nicht gesehen. Selbst die Neubauten waren abgewirtschaftet, verfallen, ärmlich. Von den vielen Menschen in den schmutzigen Gassen mochte ich nur wenige ansehen, die meisten waren irgendwie gebrochen, seltsam dreinblickend.

Nach ein paar Kilometern Reifenpanne, Georg baut. Wir anderen essen Trockenbrot und Honig. Wenig später wieder Reifenpanne, wieder baut Georg. Ich bin schon ziemlich entnervt, denn wir kommen so nicht vorwärts. Es dauert nicht lange und da meldet Mobbel einen Defekt an. Sein Gepäckträger ist wieder an der gleichen Stelle gebrochen, doch er baut es mit einer kunstvollen Konstruktion aus Muttern und Unterlegscheiben. Ich habe dazu wenig Vertrauen. Bin aber froh, als es weitergehen kann. Endlich läuft es mal eine ganze Weile, doch der Tag ist halb vorbei.

Es ist früher Nachmittag und Timişoara kommt in Sicht. Auch hier ist die Orientierung nicht einfach, doch wir finden uns zurecht. Lugoj, Caransebeş ist unsere Richtung. Kurz nach einer Kreuzung höre ich von Mobbel das Stoppsignal. Wir halten und er begutachtet aufgeregt seinen Gepäckträger. Restlos entschärft! Ein Schlag trifft uns alle.

Wir lehnen die Fahrräder eng aneinander und stellen uns davor, denn die Stadt ist voller Menschen. Geplättet stehen wir da, ratlos, denn an so etwas hatte keiner von uns auch nur denken wollen. Unsere Flaschen, die noch etwas Kaffee enthielten, leeren wir und sofort kommen Romakinder und wollen etwas haben. Wie ich sehe, steht in unsere Nähe eine Mutter und beobachtet uns scharf.

Ich schlage vor, die Stadt zu verlassen, um wenigstens aus diesem Gedränge herauszukommen. „Das ist noch zu schaffen“ meint Mobbel und wir sind schon wieder auf der Straße. Da – ein Campingplatz – das ist unsere Rettung, denn er bedeutet wenigstens Sicherheit.

Dem Hinweisschild folgend, erreichen wir ihn schnell. Er befindet sich in einem Wäldchen, noch innerhalb der Stadt. An der Rezeption erkundigen wir uns nach einem Mechaniker oder einem Fahrradladen, doch man macht uns nicht viel Hoffnung.

Nach einigem Hin und Her beschließen wir, hier die Nacht zu verbringen und in Ruhe die Lage zu überdenken. Ich staune, wie billig hier die Übernachtung ist und wir suchen uns einen Standplatz aus. Das Gepäck wird im großen Zelt untergebracht, die Räder stehen sicher an einem Baum.

Es gibt nun mehrere Möglichkeiten Mobbel zu helfen:

1. Jemand verkauft oder tauscht uns einen Gepäckträger. Kaffee, Schokolade, Bonbons oder Strumpfhosen haben wir zu diesem Zweck. Georg sagt, er habe auch ein paar DM für alle Fälle. Das lehne ich jedoch strikt ab, denn Devisenein- und ausfuhr sind uns verboten. Ich möchte kein Risiko eingehen mit den Behörden in Konflikt zu kommen.

2. Möglichkeit: Jemand baut uns den Gepäckträger, obwohl es unsinnig erscheint, denn jede neue Schweißstelle ist wieder ein schwacher Punkt. Elektroschweißen mache das Material nur noch spröder, autogen schweißen ist besser, so sagt Hans.

3. Möglichkeit: Am Montag können wir im Fahrradladen einen neuen kaufen. Wir müssen uns dabei doch das Lachen verkneifen.

4. Möglichkeit: Einer von uns baut den Vordergepäckträger ab und gibt ihn Mobbel. Damit bin ich aber nicht einverstanden, denn so wird jedes Fahrrad noch ungleichmäßiger belastet, und das Gepäck muss anders verteilt werden. Das Resultat davon werden nur noch mehr Speichenbrüche sein und am Ende geht der nächste Gepäckträger zu Bruch und für zwei von uns ist dann die Fahrt beendet. Man könnte zwar Abhilfe schaffen, indem jeder einige Sachen, die er nicht unbedingt braucht, abgibt und wir sie einem DDR-PKW mit auf die Heimreise geben.

Hans, Mobbel und ich wägen ab und wir überlegen uns genau die Vorgehensweise. In einem Park oder irgend einem andern Ort, wo viele Menschen sind, wollen wir uns auffällig benehmen und zum Schein an unseren Rädern herumbauen, so dass man sofort verschwinden kann, wenn es brenzlig wird. Ganz sicher würde da jemand auf unser Problem aufmerksam werden und uns Hilfe anbieten. Dann wollen wir weitersehen.

Eine schwierige Aufgabe haben wir jetzt zu lösen, mir kommt es fast wie eine Entscheidung über Leben und Tod vor. Ich lege mich noch einige Minuten auf meine Matte, schöpfe Ruhe und Kraft. Wir essen Pellkartoffeln, die wir von polnischen Zeltnachbarn bekommen haben und dann radeln wir los. Alle wichtigen Sachen, Werkzeuge und Tauschartikel habe ich im Rucksack. Ohne dass wir ein geeignetes Plätzchen gesehen haben, sind wir schon außerhalb der Stadt und müssen wieder umkehren.

Plötzlich kommen zwei junge Burschen auf uns zugefahren und einer ruft „Habt Ihr ein Problem?“ Mobbel erklärt ihm die Sache mit dem Gepäckträger. Spontan bietet Robert, der ausgezeichnet deutsch spricht, ihm seinen Gepäckträger an. Doch er passt nicht.

Robby will uns trotzdem helfen, „mein Vater ist Mechaniker und ich könnte es hartlöten lassen“ sagt er. Hartlöten – das ist genau das Richtige und ich packe das Werkzeug aus. Mobbel baut den Gepäckträger ab. Robby will versuchen, ihn noch heute Abend zu reparieren. 19:30 Uhr wird er wieder auf den Campingplatz kommen. Bis dahin danken wir ihm und trennen uns.

Georg kocht gerade Fruchtsuppe, als wir bei unserem Zelt anlangen. Wir erzählen ihm und Martin, was passiert ist und sie staunen mächtig. Das Problem scheint gelöst zu sein.

Eine Gruppe jugendliche Radfahrer fährt jetzt wild an uns vorbei, wenig später wieder, denn sie drehen hier Runden und wollen unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken. Als wir dann darauf eingehen, sind wir gleich umringt und wir wollen uns schon wieder zurückziehen, doch die Jungs sind o.k. Einer von ihnen ist Schwabe und dolmetscht.

Unsere Bedenken scheint er zu spüren und beteuert mehrmals „wir klauen nicht“. Er spricht einen recht lustigen Dialekt und verrät uns manche Dinge, die in der Öffentlichkeit verschwiegen werden und warnt uns vor allem vor Händlern und Zigeunern.

19:30 Uhr kommt Robby, er hat 2 Freunde, aber keinen Gepäckträger mitgebracht. Sein Vater war weggegangen und so wird es erst morgen klappen. Für mich packt er eine Flasche Wodka aus, denn er weiß, dass ich heute Geburtstag habe. Nun schaffen die anderen 4 auch eine Schachtel feiner Kekse und eine Flasche Wein herbei, die sie heimlich aus Ungarn für mich mitgebracht haben. In dieser Runde sitzen wir lange beisammen, feiern, hören und berichten.

Wir merken nun, um wieviel besser es uns in der DDR geht, welche Selbstverständlichkeiten wir einfach hinnehmen, wie wenig manches Wehklagen gerechtfertigt ist. Dabei ist Timişoara der Bezirk in Rumänien, in dem der Lebensstandard am höchsten ist. Viele Deutsche leben hier, der Handel mit dem benachbarten Jugoslawien bringt für den kleinen Mann Vorteile. Selbst in Bucareşti ist die Situation wesentlich schlechter.

Als unsere 3 Freunde gehen wollen, bietet Robby uns an, dass wenigstens zwei oder drei bei ihm übernachten könnten. Wir lehnen aber dankend ab, denn die Nachtwache erscheint uns hier sehr wichtig. Die Wacheinteilung ist die gleiche wie am Vortag, jedoch steht nur das große Zelt. Der jeweilige Wächter sitzt auf einer Matte im Freien, sich irgendwie beschäftigend, um nicht einzuschlafen.

5.8.1986

Robert weckt mich 7:30 Uhr, denn ich bin bei meiner Morgenwache eingeschlafen. Er hat Milch mitgebracht und, was das wichtigste ist, den Gepäckträger. Sauber sind beide Stellen verlötet, er wird die Last tragen können.

So gegen 11 Uhr verabschieden wir uns und wollen etwa bis Caransebeş kommen. Durch die trockene Ebene fahren wir nun langsam in die Berge hinein. Von West und Ost kommen langgestreckte Rücken immer näher, die Ebene wird schmaler.

Wir sind erstaunt, als auf einem Ortsschild „Jena“ zu lesen ist. Die Dörfer hier sind langgestreckt, die meisten Häuser stehen entlang der Straße. Überall sind große Gänseherden zu sehen, die träge und laut schnatternd uns Platz machen. Auch Hunde, große und kleine, fordern unseren Respekt und Achtung.

Es läuft heute ausgezeichnet, keine Panne – nichts. An einem Parkplatz, an dem wir Rast machen, beobachten wir, wie ein Dacia-Besitzer mit einem LKW-Fahrer Geschäfte macht. Auf irgendeine nicht legale Weise beschafft ihm der LKW-Fahrer Benzin, denn für Privatfahrzeuge gibt es pro Monat nur 30 Liter.

In Caransebeş angekommen suchen wir den Zeltplatz, finden jedoch nur eine Wiese vor dem Motel. Wir erkundigen uns an der Rezeption, ob Zelten überhaupt gestattet sei. Ja, 35 Lei pro Zelt. Wir bezahlen und suchen uns ein ruhiges Plätzchen zwischen den Bungalows. Es ist aber keines zu finden, denn überall liegen Mist- und Abfallhaufen, Glasscherben herum.

Hans sieht sich einen Bungalow an und wir sind uns einig, dass wir lieber hier drin übernachten, als auf dem Müllplatz rundherum. Für 85 Lei haben wir ein Zimmer mit zwei Betten, schlafen aber alle 5 darin und stellen unsere Räder samt Gepäck hinein. So ist der Platz optimal genutzt und wir brauchen keine Wache aufzustellen. Hier probieren wir auch einmal rumänisches Bier, das jedoch keinen von uns begeistert.

6.8.1986

Es geht schwer vorwärts, denn nun kommen wir in die Berge und der Tag wird heiß. Eine erste Pause gönnen wir uns kurz vor Armeniş an einem steil abfallenden Hang. In gewisser Weise sind wir auch froh, dass die Ebene endlich hinter uns liegt, nun wird es abwechslungsreicher. Tief unter uns rauscht ein kleiner Bach und über uns blitzt der blaue Himmel. Der Straßenteer wird weich. Georg hilft mir beim „Schuheputzen“.

In Teregova haben wir es bis zum Pass nicht mehr weit und wir machen Mittag. Jeweils 2 bzw. 3 Mann gehen in den kleinen Gasthof und essen Spiegeleier. Zu Trinken gibt es jedoch nichts, nicht einmal Wasser (Ape). Weiter aufwärts stehen Kinder an der Straße und verkaufen Äpfel. Ich lasse mir den Rucksack für 10 Lei füllen und schenke ihnen noch ein paar Bonbons.

Bald halten wir wieder, denn dicht an der Straße ist ein kleines Brunnenhäuschen. Nun nehmen wir die letzen Kilometer vor dem Pass in Angriff. Wir hatten Schwereres erwartet, doch wir erreichten nach 4 – 5 km Serpentinen die Kuppe. Der Windschatten eines Lasters hilft sogar noch ein wenig nach. Oben bietet sich nun ein Ausblick nach Süden und nach Norden. Nicht weit von uns ragen Gipfel von 1000 und 1500 m Höhe in das Firmament. Im Tal unten leuchten schon die weiß getünchten Häuser des nächsten Dorfes. Es geht nun in schneller Fahrt abwärts, Mobbel bremst aber bewusst, denn seine Vorderraddecke ist stark abgefahren und läuft unrund. Da ist Vorsicht geboten.

An einem der nächsten Anstiege rasen an uns 2 Radfahrerinnen vorbei, wir bekommen nur mit, dass sie aus den USA sind. Sie sahen zwar so aus, aber trotzdem erscheint uns das unglaubhaft. Unser Zweifel werden beseitigt, als wir im nächsten Ort einen Kleinbus Marke „Ford“ mit diesem Kennzeichen erblicken. Wir sind also nicht die einzigen kaputten Typen.

In Plugova versuchen wir dann einzukaufen. Tomaten, Melonen und Zwiebeln bekommen wir, Brot ist keines zu sehen. Die Limo, auf die man in Rumänien ruhig verzichten kann, hatte solchen Druck drauf, dass jeweils ein Drittel der Flasche beim Öffnen verloren ging. Um nun weiteren unnötigen Aufenthalt zu vermeiden, wird alles eingepackt und die Melone außerhalb des Ortes gegessen.

Wir beraten nun, wo wir diese Nacht verbringen wollen und woher wir Brot beschaffen könnten. Letzteres ist im Moment das eigentlich Wichtige, denn unsere Vorräte sind erschöpft und die Uhr zeigt bald 18 Uhr an. Wir müssen nach Băile Herculane, das ist der nächste größere Ort. Wir nehmen also den Umweg in Kauf und wollen auch gleich dort bleiben, denn 2 Zeltplätze sind eingezeichnet. Weiter südlich kommen wir dann in jugoslawisches Grenzgebiet und dort ist es nicht ratsam, wild zu zelten.

Biegt man von der Europastraße nach Osten in Richtung Băile Herculane ab, so gelangt man in das einzigartige Cernatal. Tief eingeschnitten hat sich der Cernafluß. Das Tal ist durch zwei hohe parallele Bergkämme geschützt und hat so sein eigenes Klima. Im abendlichen Sonnenlicht leuchten die weißen Felswände, denn wir befinden uns in einem Karstgebirge. Man entdeckt Gewächse, die eigentlich im Mittelmeerklima beheimatet sind, schlanke zypressenähnliche Bäume.

Der Ort selbst, weltbekannt durch seine heilsamen Quellen, macht auf uns einen guten Eindruck, die Häuser sind gepflegt, man mag die Menschen ansehen. Wir haben auch Glück, denn in einem Laden ist zwar gerade das Brot alle, aber Hörnchen sind noch genug da. 20 Stück werden gekauft, auch eine Flasche Wein und Toilettenpapier. Wir fahren zum zweiten Campingplatz, denn der erste hatte wieder Preise wie in Arad. Dafür zahlen wir hier überhaupt nichts, denn die Rezeption ist geschlossen. Ein deutsches Ehepaar finden wir und sie geben uns Tips und raten uns hierzubleiben. Die Rumänen seien sehr freundlich und geklaut würde nicht.

Wir laden also ab, stellen kein Zelt auf weil der Boden hart ist und radeln noch einmal los. Mobbel ist müde und bleibt allein zurück. Auf Fußwegen und an modernen Kurhäusern vorbei gelangen wir an einen kleinen Boulevard. Hier steht eine Statue von einem gewissen Hercules, der wohl dieses Bad gegründet hat.

Ich halte oft an und schaue mich um, dass Farbspiel an den Hängen ist phantastisch. An einer Quelle kosten wir auch den so besonders heilsamen Sprudel – ich spucke aber sofort, denn dieses lauwarme, nach faulen Eiern schmeckende Wasser behagt mir nicht. Für Mobbel nehmen wir extra eine Flasche voll mit. Nun sprinten wir einen 10% Berg hinauf – der Tag hat uns wahrscheinlich noch nicht ausgelastet. An den weißen Hängen führt uns die Straße an der Südseite des Tales zurück. Bald dämmert es und die Nacht bricht herein.

Neben unserem Plätzchen bauen 2 junge Rumänen ihr Zelt auf. Sie sind auch per Rad hier. Wir unterhalten uns auf Englisch. Es sind 2 Abiturienten aus Piteşti und sie wollen bis Timişoara. Der eine sagt, dass wir uns am nächsten Tag auf Kontrollen gefasst machen müssen, denn die jugoslawische Grenze ist scharf bewacht.

In vorgerückter Stunde kommt dann ein alter Rumäne, der sehr gut deutsch spricht und hat etwas anzubieten: „Ich habe hier noch ein bisschen selbstgemachten Wein. Es ist jetzt nachts so warm und er wird bald nicht mehr gut sein, deshalb müssen wir ihn heute trinken“. Jedem schenkt er aus seinem 5 l Plastekanister ein, soviel man möchte. „Ihr müsst selbst wissen wieviel ihr trinken könnt.“ Er ist sehr gesprächig. Das deutsche Ehepaar erzählt uns ein paar ihrer Erlebnisse und so fließt der Wein ganz schön. Als ich auf der Matte liege, merke ich, wieviel es war und schlafe bald fest. Wachen sind hier nicht nötig, es herrscht eine sichere vertrauensvolle Atmosphäre und wir liegen sowieso unmittelbar bei unseren Rädern.

7.8.1986

Gemeinsam mit den beiden jungen Rumänen frühstücken wir. Ihre Eltern haben ihnen viel zu viele Nahrungsmittel mitgegeben und so ist es eine reichhaltige Mahlzeit, sogar mit Büchsenwurst. Ein Glas Honig schenken sie uns, weil sie ihn beide nicht mögen.

Es ist zu schaffen und wir wollen alles daransetzen heute Rumänien zu verlassen. Während einer kurzen Pause hinter Herculesbad versteckt Georg seine DM–Noten sicher, denn vielleicht werden wir heute kontrolliert. Entweder im jugoslawischen Grenzgebiet oder am Grenzübergang nach Bulgarien. Nachdem bisher alles gut verlief, wollen wir keine Gefahren mehr eingehen.

Bald sind wir in Orşova und erblicken wieder einmal die Donau. Hier ist sie breit, denn der Staudamm bei Drobeta Turnu Severin hat einen über 100 km langen See entstehen lassen. Wir sehen am Ufer des Sees die neu entstehende Stadt Orşova und ihren Binnenhafen. Das alte Orşova liegt jetzt unter dem Wasserspiegel. Das Land da drüben ist Jugoslawien.

Die Landschaft um uns herum wird immer großartiger. Die Straße schlängelt sich am Hang entlang. Wir fahren durch Tunnel, über Brücken und Viadukte. 30 Meter unter uns ist der Wasserspiegel der Donau. Ab und zu unterbrechen enge Schluchten und Täler den steil zum Wasser abfallenden Hang, kleine Bäche strömen der Donau zu. Beide Ufer sind von dichtem Grün bestanden, auch auf der anderen Seite sieht man jetzt eine Straße.

Wir erreichen den Staudamm. Quer hinüber führt schnurgerade eine Straße, denn hier ist der Grenzübergang. 990 m sind es bis zum jugoslawischen Ufer. Starke Ketten versperren die direkte Zufahrt auf die Brücke, man muss erst an dem Grenzhäuschen vorbei. Jugoslawen fahren an uns vorbei und es ist reger Betrieb. Drüben am Hang leuchtet das jugoslawische Wappen. In Fußballfeldgröße sind dort die Landesfarben Blau-Weiß-Rot mit dem gelb umrahmten Stern in der Mitte in den geneigten Boden gelassen, als Wahrzeichen.

Bald durchqueren wir Drobeta Turnu Severin und verlassen wenig später die Europastraße, die nach Craiova führt. In einem Dorf holen wir an einem Schöpfbrunnen frisches Wasser. Es ist bereits 13:30 Uhr und noch 91(!) km liegen vor uns. Deshalb können wir nicht an Pause denken und fahren weiter. Im Nieselregen müssen wir einen langen Berg bezwingen. Danach geht es mit tollem Rückenwind schnell vorwärts. 14:30 Uhr halten wir an einer Raststätte und machen Mittag. Zuerst schlürfen wir eine echt rumänische Cola, deren Geschmack man mit dreifach verdünnter und danach einige Tage stehengelasse Stern-Cola annähernd beschreiben kann. Dann setzt Georg Wasser auf für unsere letzte ungarische Gulaschsuppe.

Inzwischen setzt starker Regen ein und wir verziehen uns unter ein Bungalowvordach. Blitze leuchten auf, der Boden schreit förmlich nach Wasser, aber uns passt der Regen doch nicht ganz in den Plan. Wir müssen nämlich warten und das Ziel, Bulgarien zu erreichen, schwindet dahin.

17 Uhr hat es aufgehört. Bis Calafat sind es gute 60 km, also heute nicht mehr zu schaffen. Wir haben immer noch leichten Rückenwind und die Luft ist angenehm kühl. Die Strecke ist flach, sehr wenige Dörfer liegen an der Straße.

Ein Stundenmittel von 24 km fahren wir jetzt, vielleicht ist es doch noch zu schaffen? Ich mache vorn Tempo so gut es geht, ich spüre kein Nachlassen der Kräfte, obwohl es schon spät ist. In den wenigen Ortschaften, die wir durchfahren ist kein offener Laden mehr zu sehen. Wir haben nichts mehr zu essen bis auf Marmelade und Fischbüchsen.

Immer mehr Menschen sind auf der Hauptstraße und in den Gassen. Nach einer Ortschaft werden unsere Papiere kontrolliert. Die Sonne geht blutrot unter. Im nächsten Dorf werden die Kinder nun aber wirklich aggressiv, mir wird ein Apfelgriebs hinterhergeworfen, Georg bekommt einen Stein ans Knie. Nur schnell durchfahren, nicht reagieren sondern treten, treten heißt es jetzt.

Hans löst mich ab, denn meine Kräfte lassen merklich nach. Da wir in westliche Richtung fahren, bläst uns der Wind entgegen. Hinter Basarabi halten wir kurz, die Schlagersüßtafel gibt hoffentlich noch ein wenig Durchhaltevermögen, denn meine Kraft ist erschöpft, auf große Gänge kann ich heute nicht mehr schalten. 7 Kilometer bis Calafat fordern mir so ziemlich das Letzte ab und dann sind wir an der Fähre.

Es ist fast 21:00 Uhr als wir die Straße, die nur noch ein besserer Feldweg ist, zur Anlegestelle hinunter schieben. 170 Lei kostet für uns die Überfahrt. Die rumänische Grenzkontrolle geht recht schnell, doch bis die Fähre voll ist dauert es noch ein Stunde. Lastzüge stehen ungünstig darauf und sie müssen hin und her rangieren, damit noch ein Bus Platz hat.

Wir nutzen diese Zeit, um etwas zu essen zu beschaffen. Ich bitte deutsche Touristen um Brot, biete die Fischbüchsen zum Tausch an. So haben wir ein kleines Stück und Büchsenbrot bekommen.

Gegen 22 Uhr legen wir ab und tuckern eine ganze Zeit über die ruhig dahinfließende Donau. Das andere Ufer ist besser befestigt, die Abfertigung geht noch schneller. Der Grenzer trägt nicht mal eine Uniform. Ein paar Deutsche, die auf der Rückreise sind, raten uns den Zeltplatz aufzusuchen und nirgends anders zu schlafen. Die bulgarische Polizei sei scharf.

Unmittelbar nach dem Grenzübergang kracht es in meinem Hinterrad – wahrscheinlich eine Speiche, denn das Rad schleift auch. Das ist mir aber jetzt egal, wir suchen so schnell als möglich den Zeltplatz auf und dann essen, schlafen. Eine halbe Stunde Nachtfahrt im unbekannten Land, dann sind wir dort. Am Zaun entlang schieben wir einen kleinen Rumpelweg bis zum Eingang. Das bringt uns wieder einen kaputten Schlauch ein, denn bei Mobbel hat es eben laut gezischt.

Zu später Stunde werden wir von einer freundlichen Dame abkassiert, 9 Lewa und die Personalausweise einbehalten. Das ist auf Bulgariens Zeltplätzen so Sitte. Wir essen Büchsenbrot und trinken rumänischen Wein. Bevor wir endlich im Zelt liegen, kontrolliert ein Mann unsere Quittung von der Rezeption. Er ist nicht gerade der freundlichste, wenig später dann doch, denn er braucht unsere Luftpumpe. Jetzt kehrt endlich Ruhe ein, nach diesem Tag, der mit 140 km eine echte Härteetappe war.

8.8.1986

Starker Wind und es ist auch kalt. Nichts mit Sonnenland Bulgarien! Als ich aus meinem Schlafsack krieche, muß ich mir die langen Trainingshosen anziehen.

Mobbel, Hans und ich gehen einkaufen, seit langer Zeit wieder einmal richtig einkaufen. Obgleich es hier keinen Lebensmittelladen in unserem Sinne gibt, das man dort alles vom Brot über Milch bis Obst bekommt, sind unsere Rucksäcke bald voll. Da ist ein Brotladen, in dem es ausschließlich Brot gibt, dort ist ein Gemüseladen und noch ein Laden, in dem man Butter, Käse, Limonade und Wurst kaufen kann. Nach Milch müssen wir lange suchen und wir bekommen die letzten 3 Liter.

Ein weiteres Problem beim Einkauf ist, daß hier in Bulgarien Nicken bzw. Kopfschütteln genau umgekehrt verstanden werden. Man bleibt am besten stocksteif und antwortet nur mit „Da“ und „Nje“. Mir jedenfalls gelingt es nicht ja zu sagen und gleichzeitig den Kopf schütteln. Beim Frühstück beschließen wir, den ganzen Tag als Ruhetag einzulegen. Das ist wohl das Beste für uns alle und so bauen, essen und schlafen wir ausgiebig. Die Innenstadt Vidins ist auch schön anzusehen mit Boulevard, zahlreichen Geschäften und Imbißstuben.

9.8.1986

Der erste große Abschnitt der Fahrt ist geschafft, wir sind in Bulgarien. Der zweite, die Route über Sofia ans schwarze Meer, liegt vor uns. Den Abstecher ins Rilagebirge müssen wir aus unseren Plänen streichen, dazu würde die Zeit nicht ausreichen. Hoffentlich sind wir bald in Sofia, denn inzwischen sind uns schon so viele Tage verloren gegangen, dass nun fürs Schwarze Meer nicht mehr viel bleibt.

Mit diesen Gedanken verlassen wir Vidin. Das Wetter ist aber auch heute so ungemütlich wie gestern. Der Himmel ist bedeckt, starker Wind weht uns entgegen. An einem langen, gar nicht steilen Berg steige ich ab und schiebe. Mir fehlen Kraft und Willen. Der Wind wird aber immer stärker, so dass der Straßenstaub uns Augen und Mund verklebt.

Unmittelbar vor Dunavci heißt es auch wieder mal „Reifenpanne“, zum zweiten Mal an diesem Tag. In Dimova, was nur 24 km von Vidin entfernt ist, wird Mittag gemacht. Der eigentliche Grund ist Martins Hinterrad, aber auf der Terrasse vor einem Hotel ist es günstig. Ich hole Wasser, Mobbel packt den Kocher aus und Georg setzt dann Makkaroni auf.

In Martins Hinterrad ist eine Speiche gerissen, nun geht es auch bei ihm los. Nur Hans ist bisher verschont geblieben. Später fahren wir beide noch einmal zurück zu einem Laden und wollen Ketchup und Brot holen. Ketchup gibt es keinen und wegen Brot steht schon eine Riesenschlange vorm Laden, der noch gar nicht offen ist. Wir stellen uns mit an und warten, warten, warten. 15:00 Uhr war es vor einer halben Stunde, der Laden müsste längst geöffnet haben.

Auf einmal taucht Martin auf und ist ganz aufgeregt. „Kommt sofort mit. Die Polizei ist bei uns und wir sollen verschwinden“. Mit einem kleinen Einsatzjeep waren sie gekommen, herausgesprungen und auf die drei zugerannt. Erst nach ein paar wilden Gesten hätten sie mitgekommen, dass wir Deutsche sind. So beschreibt uns Martin die Situation.

Die Lage hat sich scheinbar etwas normalisiert, als wir ankamen. Unmissverständlich bedeutet mir ein Polizist, dass wir uns entfernen sollen, auch die heißen Makkaroni dürfen wir hier nicht mehr essen. Aber ich darf wenigstens in Ruhe mein Werkzeug zusammenpacken und meine Gepäcktaschen festschnüren. Unklar bleibt uns allen jedoch, aus welchen Gründen wir so wie Landstreicher verscheucht wurden.

Nach dem Ortstausgang fahren wir gleich den nächsten Feldweg hinein und verzehren endlich unsere Makkaroni. Warm sind sie immer noch. Hans und ich wollen noch einmal unser Glück versuchen und so fahren wir zum zweiten Male zum Brotladen. Er öffnet gerade und ein herrlicher Duft schwirrt einem um die Nase.

Als wir ein ganzes Stück vorgerückt sind, stehen wir endlich im Laden, aber das Brot wird gerade alle. Die meisten Leute gehen schon wieder und wir zwei schauen noch suchend in die leeren Regale, wohl auch mit hungrigem Blick. Eine Verkäuferin kommt plötzlich an den Ladentisch und hat ein letztes Brot in der Hand. Sie winkt uns heran und obwohl noch Leute vor uns stehen, dürfen wir das Brot haben. Ich glaube in diesem Moment gönnt uns jeder dieses Vorrecht, kein böser Blick begegnet mir.

Wir kaufen in einem anderen Geschäft noch Fisch und Teigwaren und fahren hinaus aus dem Ort zu unserem Lagerplatz, wo Mobbel, Martin und Georg uns schon erwarten. In Bela können wir dann noch Brote kaufen so viel wir brauchen. Es läuft nun besser, auch die Sonne scheint und der Wind legt sich. Es ist aber schon Abend und wir sind geschafft, obwohl wir nicht einmal 40 km zurückgelegt haben.

Eine schöne Stelle zum Übernachten finden Hans und Mobbel, doch als wir in den Wald schieben wollen, sehen wir auf der Bergkuppe einen Mann in Uniform. Deshalb geht es weiter bergan und oben sehen wir, dass es ein Bahnwärter ist.

Hans hält an und möchte ihn fragen, ob wir hier schlafen können. Das hält zwar keiner von uns für möglich, aber inzwischen ist Hans ja für solche Dinge bekannt. Er hat eine besondere Art, Leute anzusprechen und sie um etwas zu bitten. Nach einigem Hin und Her ist alles geregelt, wir können uns bei ihm unter dem Pflaumenbaum legen, den wir vorher schütteln sollen.

Der Mann ist sehr freundlich und schenkt uns Gurken, Paprika und Tomaten aus seinem kleinen Gemüsegarten. Zum ersten Mal essen wir Schafskäse, der auch von ihm ist. Er erklärt uns, wie man Maiskolben zubereitet. Im benachbarten Feld holen Mobbel und ich ein paar schöne und Georg kocht eine Gemüsesuppe. Heute loben wir ihn allerdings nicht, denn sie ist viel zu scharf.

In der Zwischenzeit zentriere ich Georgs Hinterrad, wegen der vielen Speichenbrüche sind die Speichen nicht sehr fest gezogen und so muss ich auch von Zeit zu Zeit die Felgen etwas nachstellen, damit das Rad wieder rund läuft.Seltsamerweise reißt bei ihm jetzt keine Speiche mehr, aber das Gewinde der Nippel geht kaputt.

Zum Abendessen gab es dann Bier und Wein. Danach konnten wir noch eine Weile unserem Schrankenwärter bei der Arbeit zusehen – mit einem gelben Stab regelt er den Verkehr und hatte für jeden vorbeikommenden Autofahrer eine freundliche Bemerkung auf den Lippen – als es dunkelte schliefen wir schon fest und hörten auch nicht mehr die Züge vorbei donnern.

Hier möchte ich aus diesem schönen Reisetagebuch von Michael aussteigen. Am 11.8.1986 erreichten wir Sofia.
...und am 17.8 das Schwarze Meer.
Die Rückfahrt starten wir am 22.8. und erreichten nach 44 Stunden Zugfahrt unsere Heimatstadt Karl-Marx-Stad wieder.
Auf der Reise begegneten wir in allen durchreisten Ländern immer gastfreundschaftlichen Menschen, aber auch Touristen aus der DDR, welche von Rumänien schwärmten und uns immer wieder beteuerten, dass man dort keine Angst haben bräuchte. Aber neben den positiven Erfahrungen auf der Durchreise mit dem Fahrrad durch Rumänien hat mir doch am meisten die Rückfahrt mit dem Zug durch Rumänien imponiert.
Die Zugfahrt startete abends in dem bulgarischen Badeort Varna. Da wir keine Sitzplätze mehr bekommen haben, schliefen wir mit unseren Isomatten auf dem Gang.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten, fuhren wir gerade mitten durch Rumänien. Ich sah rechts und links eine der schönsten Gebirgslandschaften, welche ich je gesehen hatte. Stundenlang schaute ich aus dem Fenster und konnte mich nicht sattsehen. Durch die tiefen Schluchten, die vielen Kurven und Tunnel und auch wegen dem schlechten Zustand der Schienen fuhr der Zug sehr langsam. Ich weiß bis heute nicht genau, wo der Zug lang gefahren ist, aber ich vermute, dass es das Jiultal war. An diesem Tag entstand meine Begeisterung für das Land Rumänien. Ein Jahr später stand ich dann zum ersten Mal in meinem Leben in einem Hochgebirge am Avrigsee im Fagarschgebirge. Es sollte nicht das letzte Mal Rumänien sein!!!
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