Die Reise nach Bogschan

ausgesucht von Richard Kreiling
Bild gemalt von Linnea aus Rockau, 12 Jahre
Die alten Franzdorfer hatten keine Gelegenheit, Erdkunde zu lernen, daher hatten sie von der großen Welt draußen nur eine beschränkte Vorstellung.
Der alte Tonivetter, ein äußerst fleißiger, verhältnismäßig wohlhabender, ansonsten auch aufgeklärter Mann – Beweis dafür, daß er seine fünf Söhne jeden ein Handwerk lernen ließ, um sie der schweren Waldarbeit zu entheben –, wurde im Jahre 1860 von einem seiner Söhne, der sich nach vollendeter Wanderschaft in Bogschan als Wagenmeister selbständig gemacht hatte, zu seiner Trauung eingeladen.
Der Tonivetter und die Traudlmahm mieteten einen einspännigen Karren und fuhren mit diesem Vehikel langsam und daher auch lange von Franzdorf nach Reschitz und berührten viele bewohnte Orte: das einsame Wegräumerhaus in der Krainik, das Forsthaus Pojana Biki, Kuptoare, Sekul, Stavilla, Deutsch-Reschitz, Roman-Reschitz, Köllnick, Moniom, Kolzan ... und trafen endlich, obwohl sie schon um vier Uhr frühe von Franzdorf weggefahren waren, spät abends in Bogschan ein.
gemaltes Bild von Linnea miteiner Berglandschaft und einem Dorf am Horizint sowie einen Bauern auf einem Pferdefuhrwerk welches auf einem Weg Richtung Dorf fährt
Am nächsten Tag war Hochzeit, und am zweitnächsten wurde die Rückreise angetreten, weil ja doch zu Hause die Wirtschaft wartete. Zu Hause angekommen, fand der Tonivetter drei Tage lang nirgends Rast und Ruhe, besuchte alle Bekannten und Unbekannten, um ihnen von seiner Reise zu erzählen. Dabei betonte er immer wieder: „Leutl, Leutl, ös kennts enk nit denken, wia groß daß die Welt ist!“ *
* Es handelt sich um eine Entfernung von nicht ganz 40 km!
[aus: Alexander Tietz, Märchen und Sagen aus dem Banater Bergland, Kriterion Verlag Bukarest, 1976]
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