Mein Nachbar Herr Schuster


von Michaela Nowotnick

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Thomas Schuster war einer der letz­ten Sie­ben­bür­ger Sach­sen, die in Burg­berg leben, jenem sie­ben­bür­gi­schen Dorf, wo ich mit Freun­den zu­sam­men für einige Zeit das leer­ste­hende evan­ge­lische Pfarr­haus ge­mietet hatte. Herr Schuster war mein nächs­ter Nach­bar, wenn man das so sa­gen kann. Vom Pfarr­haus, das auf dem Berg steht, die schief ge­tre­tenen Stu­fen nach unten Rich­tung Dorf musste man gehen, vor­bei an der deut­schen Grund­schule, in der immer noch auf Deutsch un­ter­rich­tet wurde und dann nicht der erste, son­dern der zweite Hof auf der linken Seite.
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Herr Schuster lebte dort allein mit seinem Hund und sei­nen Bienen. Ein ein­zi­ges Mal war er in Deutsch­land ge­we­sen, hatte sich die dor­ti­gen Block­woh­nun­gen be­se­hen und be­schlos­sen, dass der Exo­dus der Rumä­nien­deut­schen wohl ohne ihn statt­fin­den müsse. Und so war seine Familie aus­ge­wan­dert und er war auf seinem Eltern­hof ver­blieben.
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Am Sonntag kamen er und der Misch­on­kel immer den Burg­berg hi­nauf, im Sonn­tags­an­zug und ge­strick­ter Weste, mit Hut und Stock. An­lass war – na­tür­lich – der Got­tes­dienst, der aller­dings nur das Vor­spiel des ei­gent­li­chen sonn­täg­li­chen Höhe­punkts war: dem Kir­chen­kaffee. Man trank Kaffee und aß Kuchen und er­zählte sich aus dem Dorf und aus der Welt, wo­bei die „Welt“ schon im Nach­bar­dorf Zie­gen­tal be­gann. Dort war Herr Schuster zwei Mal in sei­nem Leben ge­we­sen: zum An­mes­sen des Kon­fir­ma­tions­an­zugs und dann zum Ab­ho­len des­sel­ben. Hin­zu kamen eine Fahrt mit dem Burg­ber­ger Kir­chen­chor nach Kron­stadt, einige wenige Aus­flüge nach Her­mann­stadt und eben die Fahrt nach Deutsch­land.
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Oft war ich auf dem Hof meines Nach­barn, um mir eine Lei­ter aus­zu­bor­gen oder eine Schau­fel, um den ent­lau­fenen Hund wie­der nach Hause zu brin­gen und mir Bü­cher aus­zu­lei­hen oder ihm welche aus der städ­ti­schen Biblio­thek mit­zu­brin­gen, einen Schnaps zu trin­ken oder um in die Bie­nen­zucht ein­ge­weiht zu wer­den. Denn sein gan­zer Stolz wa­ren seine Bie­nen, die er streng nach der An­lei­tung eines Buches von 1918 pflegte und ver­sorgte. Die schöns­ten Ge­spräche führ­ten wir beim Bauen der Rähm­chen für sein Bie­nen­haus, wo­bei ich ihm nach der Gür­tel­ro­sen­er­kran­kung ein wenig half.
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Er erzählte vom Dorf und des­sen Ein­woh­ner­in­nen und Ein­woh­nern, vom Le­ben im Kom­mu­nis­mus und, Jahr­gang 1929, auch vom Leben da­vor. Von der Schul­zeit, da­von, wie es ist, An­ge­hö­ri­ger der deut­schen Min­der­heit zu sein und von dem Mit­ei­nan­der der Eth­nien im Dorf. Und er er­zählte mir von sei­ner Zeit im ukra­ini­schen La­ger, wo­hin er nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­schleppt wor­den war, um dort in ei­nem Berg­werk Kohle ab­zu­bau­en. 17 Ja­hre alt war er ge­we­sen und hatte nur eine vage Vor­stel­lung da­von, warum er über­haupt dort ge­lan­det war. Weil die Rus­sen es woll­ten und die Rumä­nen es ge­sche­hen lie­ßen, war die Er­klä­rung, die er sich zu­recht­ge­legt hatte.
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Nach vielen gemeinsamen Stun­den des Rähm­chen­bau­ens er­zählte Herr Schus­ter vom Levi, einem eins­ti­gen Burg­ber­ger, der aus­ge­wan­dert sei, als ‚der Hitler kam‘. Ich traute mich nach­zu­fragen, was er da­mit meine, und er ant­wor­tete, dass eben alle Juden aus­ge­wan­dert seien. Lange brauchte ich, um Mut zu fas­sen, dann er­zählte ich von De­por­ta­tion, Kon­zen­tra­tions­la­gern und Ver­nich­tung. „Aber wa­rum hätte der Hitler das tun sollen, das sind doch nette Men­schen, diese Ju­den“, warf Herr Schus­ter ein, dann schwie­gen wir.
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Einige Tage später rief er auf dem Pfarr­hof an und bat mich, zu ihm zu kom­men. Er habe nach­ge­dacht, sagte er. Wenn das so wäre und die Ju­den auch in La­gern ge­we­sen wä­ren, wie er in ei­nem Lager war, dann war viel­leicht auch sein äl­terer Bru­der in ei­nem sol­chen La­ger, auch wenn er von Ju­den nie er­zählt habe. Er nennt den Na­men ei­nes Kon­zen­tra­tions­la­gers, in dem, so er­schließe ich es mir, sein Bru­der wohl als Wach­per­so­nal ein­ge­setzt ge­we­sen war. Und das wäre dann wohl auch der Grund ge­we­sen, wa­rum er den Hof nicht über­nom­men ha­be und in Deutsch­land ge­blie­ben sei, be­schließt Herr Schus­ter. Wir spra­chen nie wie­der da­von.
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Einige Zeit später musste Herr Schuster die­sen sei­nen El­tern­hof, auf dem er sein ge­sam­tes Le­ben ver­bracht hatte, ver­las­sen und lebte fort­an im Al­ten­heim von Her­mann­stadt. Am Ein­lass fragte man mich, wo­hin ich wolle, ob ich eine An­ge­hö­rige von Herrn Toma sein. Naja, wie man’s nimmt, also „ja“.
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Die Fahr­stuhl­tür öffnete sich und Herr Schus­ter stand vor mir. Im An­zug, mit Hemd und Weste und Hut auf dem Kopf. Be­such aus Deutsch­land, rief er den An­ge­stell­ten ent­ge­gen und zog mich in den Hof. Dort fegte sein Zimmer­nach­bar die Geh­weg­plat­ten und hob so­fort an, mir in aller Aus­führ­lich­keit sein Leben zu schil­dern. Wir be­schlos­sen, in die Stadt zu ge­hen, in die Kon­di­to­rei „wie vor dem Krieg“. Ich musste meine Handy­num­mer hin­ter­le­gen, meine Adres­se an­ge­ben und ver­si­chern, ihn zu einer be­stimm­ten Zeit wie­der zu­rück­zu­brin­gen.
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Herr Schuster konnte sich nicht mehr er­in­nern, wann er das letzte Mal in der Stadt, al­so in Her­mann­stadt ge­we­sen sei: „Dort vorn steht eine Sta­tue. Lass nach­schau­en ge­hen, es wird ja wohl nicht mehr der Ceau­şescu sein.“ Der letzte Au­fent­halt von Herrn Schus­ter in Her­mann­stadt muss tat­säch­lich schon vor län­ge­rer Zeit ge­we­sen sein. Vor der Stadt­pfarr­kirche hiel­ten wir an und be­gut­ach­te­ten, wie die­se in den letz­ten Jah­ren wie­der­her­ge­rich­tet wor­den war.
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Ein älterer Herr in kakifar­be­nen Ho­sen, Trek­king­san­da­len und Foto­ap­pa­rat um den Hals stellte sich zu uns, die wir etwas lau­ter auf Deutsch mit­ei­nan­der spra­chen, und nahm uns in Be­schlag. Er be­rich­tete von sei­ner Be­geg­nung mit dem Bi­schof der Sie­ben­bür­ger Sach­sen in Deutsch­land. Die­ser sei in der Kir­chen­ge­mein­de ge­we­sen, man hätte sich über Rumä­nien un­ter­hal­ten und nun wolle er, der Tou­rist, wis­sen, wo der Bi­schof wohne. Das müsse ja hier ir­gend­wo sein, es wäre hier so schön her­ge­rich­tet, ganz an­ders als man es von Rumä­nien er­warte. In ei­ner kur­zen Atem­pause zog Herr Schus­ter sei­nen Hut, ver­beugte sich, lä­chelte ihn an und sagte: „Ich weiß noch nicht mal wie er heißt, un­ser Bi­schof.“
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Wir gingen weiter und ließen einen ver­dutz­ten Tou­ris­ten auf dem Kirch­hof ste­hen. Im Café Wien gab es Apfel­stru­del mit Vanil­le­soße. Herr Schus­ter war be­geis­tert von dem Aus­blick, den man von der Ter­rasse des Cafés über die so­ge­nannte Un­ter­stadt hat, und be­dau­erte, dass er dem Misch­on­kel aus Burg­berg nicht da­von er­zäh­len könne. Sie wür­den zwar regel­mäßig tele­fo­nieren, aber lei­der sei der Misch­onkel so schwer­hö­rig, dass er nichts von dem ver­ste­hen würde, was man ihm am Tele­fon sagt. Her­mann­städter ka­men an un­serem Tisch vor­bei, ich grüßte, Herr Schus­ter grüß­gottete freund­lich mit.
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Als wir zurück zum Altenheim ka­men, war die Aus­geh­zeit schon eine halbe Stunde über­schrit­ten und wir ver­such­ten un­be­merkt nach drin­nen zu ge­lan­gen. „Wer weiß, ob ich noch lebe, wenn du das nächste Mal nach Rumä­nien kommst“, ver­ab­schie­dete sich Herr Schus­ter von mir. Noch ei­nen Ge­burts­tag fei­erte mein eins­tiger Nach­bar im Alten­heim, dann wurde er zu­neh­mend schwächer. Als er die Bücher zum Lesen nicht mehr hal­ten konnte, wuss­ten wir beide, dass der Ab­schied nun end­gültig sein würde. Be­gra­ben ist er auf dem Fried­hof in Burg­berg in der Fami­lien­grab­stelle neben seinem Sohn, der mit 19 Jah­ren in sei­nen Armen starb.
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Manchmal nehme ich das Buch „Der Bien und seine Zucht“ aus dem Jahr 1918 zur Hand, das mir Herr Schuster geschenkt hat, und denke darüber nach, wie es wohl wäre, ein eigenes Bienenhaus zu bauen, Rähmchen zusammenzunageln und Honig zu schleudern.
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Herr Schuster im Adventskalender 2014
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